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Schätzchen, du bist eingeladen | Drucken |
Geschrieben von Romana Brunnauer   
Es passiert mir selten, aber diese Leute mochte ich auf Anhieb.

Maggy mit ihren geschickten Händen, Klara, der man es nie recht machen konnte und Leo, der so gerne mit seinem VW Cabrio über die Landstraße brauste. Selbst Volker konnte ich leiden, wenn auch nicht immer – er war ganz schön zynisch. Dass ich Sissi sympathisch fand, verstand sich von selbst. Sie war umwerfend sexy. Kennen gelernt habe sie alle über Po, genauer gesagt Leopldine Prötzner. Pos Eltern waren vor zehn Jahren ums Leben gekommen und hatten ihr eine Villa am Stadtrand vererbt. Weil sie nicht alleine leben wollte, hatte sie diese illustre Gesellschaft um sich versammelt und eine Wohngemeinschaft gegründet.

Po und ich arbeiteten in der gleichen Werbeagentur. Sie war Assistentin unseres Office-Managers und saß unten im Empfangsbereich. Ich bin Werbetexter und residiere immer noch oben bei den Grafikern. Vor einem Jahr hatte man mir in einer Ecke des großen Ateliers eine Art Glashaus gebaut. Manchmal fühlt es sich an, als säße ich in einem Schaufenster, dennoch liebe ich mein Glashaus. Es schützt mich vor dem Gequassel der Grafiker und wenn ich die Tür öffne, bin ich mitten drin. 

Mein Glashaus habe ich Po zu verdanken. Es war ihre Idee gewesen, als ich ziemlich am Ende war. Damals arbeitete ich noch in einem kleinen Dachzimmer, weit ab von den Anderen. Dieses Zimmer hatte sich mein Vorgänger gewünscht – ich kam damit nicht zurecht. Von heute aus betrachtet wundert es mich nicht, dass dort oben der Fluss meiner Ideen zusehends verkümmerte, bis er schließlich ganz versiegte. Ich stocherte nur noch in meiner Erfahrungskiste herum und erzeugte schlechte Plagiate alter Kampagnen. Unter Werbern nennt man diesen Zustand „Krea-Tief“.

Die Kollegen warfen mir mitleidige Blicke zu, was eigentlich ein sicheres Zeichen ist: Ich stand auf der Abschlussliste. Jeder wusste es, nur  ich wollte es nicht wahr haben. Den entscheidenden Hinweis gab mir Po.

Po hatte nichts von dem schillernd-lauten Flair, mit dem sich normale Werber umgeben. Sie setzte sich morgens an ihren Schreibtisch, erledigte ihre Arbeit und war Abends einfach verschwunden. Zugegeben: Auch ich hatte sie als einfältige Sekretärin abgetan und mich nicht weiter für sie interessiert. Aber dann lernte ich sie kennen.

Es war an einem heißen Julitag, alle schwitzen hinter ihren Bildschirmen und ich suchte verzweifelt nach einer guten Idee für Hippo-Babywindeln. Wie schon so oft schlich ich hinunter ins Kellerarchiv, um aus den dort abgelegten Kampagnen meines Vorgängers etwas klauen zu können. Ich wähnte mich alleine, blätterte ungeniert in den Ordnern und machte mir Notizen. Plötzlich sprach sie mich von hinten an: „Das würde ich nicht tun!“

Erschrocken und peinlich berührt fuhr ich herum, ich hatte nicht gemerkt, dass jemand im Raum war.

„Warum? Äh ...“ stotterte ich.

„Die Hippo-Kampagne war ein Flop und der Kunde sucht was Neues. Was wirklich Neues und nicht den alten Quatsch!“ antwortete Po mit einem Funkeln in den Augen, das ich ihr nicht zugetraut hätte.

„Aber ich suche doch nur ...“ setzte ich an, dann aber fiel mir ein, wem gegenüber ich mich verteidigen wollte. Einer Büromaus stand es einfach nicht zu, dem Texter auf die Finger zu schauen. „Ich mach meine Arbeit – und du machst deine. Alles klar?“ fauchte ich sie an.

Po setzte dieses mitleidige Gesicht auf. „Wenn du so weiter machst, wirst du deine nicht mehr lange tun!“

Das machte mich hellhörig. Die Glocken in meinem Kopf gaben jetzt endlich Alarm. Ich wollte noch einen Rest von Autorität bewahren und versuchte, sie mit Blicken einzuschüchtern. „Schau mich nicht an wie einen Weihnachtshasen!“ zischte ich.

Po zuckte nur mit den Schultern. Um ihren Mund spielte ein spöttisches Lächeln, das kurz darauf einer ernsten Mine wich. „Ich wollte dich nur warnen!“

„Wovor? Sag´s gleich oder mach die Fliege!“ herrschte ich sie an,  fügte aber dann ein „Bitte“ hinzu.

Und so begann unsere Freundschaft. Po erzählte, dass der Chef auf Textersuche war und dass mein ehemals gutes Image praktisch nicht mehr vorhanden sei. Wir setzten uns auf eine Umzugskiste und ich schüttete ihr mein Herz aus. Ich klagte über die Einsamkeit des Textens und darüber, dass ich eigentlich ein geselliger Typ sei, der die Isolation in einer Dachkammer schlecht verkraftet und deshalb auf dem kreativen Nullpunkt angelangt sei. Po zeigte sich verständig und – was mich sehr erstaunte – äußert fachkundig. Diese graue Maus hatte mehr Ahnung über die Mechanismen der Werbung als ich! Vor allem aber konnte sie sich in meine Nöte einfühlen, die mich in der einsamen Dachkammer plagten. Sie fand tröstende Worte und am Ende schlug sie vor: „Arbeite doch bei den Grafikern! Kreative untereinander können sich doch wunderbar befruchten!“ 

Gleich am nächsten Tag richtete ich mir einen Schreibtisch im Atelier ein. Ja, hier war die Arbeitsatmosphäre, die ich brauchte! Die Präsentation meiner Hippo-Kampagne war ein riesen Erfolg und die Suche nach einem neuen Texter wurde vorerst eingestellt. Es folgte eine noch bessere Kampagne für einen Automobilhändler und ich war wieder obenauf. Mit der Zeit jedoch nervte der Lärm in der Grafik. Um mich besser konzentrieren zu können, baute man mir dieses Glashaus – es war wieder eine von Pos Ideen.

Seit jenem Tag im Archiv verbrachten wir fast jede Mittagspause zusammen. Wir gingen abwechselnd zu einem kleinen Stehitaliener oder zum Griechen. Po achtete darauf, dass sich keiner der Kollegen anschloss, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, hatte sie urplötzlich etwas Dringendes zu tun. Als ich sie darauf ansprach, meinte sie nur: „Ich hänge den ganzen Tag am Telefon und wenn ich nach Hause komme, wollen fünf Leute mit mir quatschen. Das reicht.“ Mit mir allerdings würde sie sich wohl fühlen, es würde sie nicht anstrengen, beteuerte sie.

Pos Gesellschaft wurde mir immer wertvoller und ich ertappte mich bei romantischen Gedanken. Erstaunlicherweise waren diese nicht von erotischen Gefühlen begleitet. Fühlte sich so eine platonische Liebe an? Vielleicht. Jedenfalls interessierte mich Po immer mehr.

Heute lässt sich nicht mehr ausmachen, ob sie wegen Leo oder wegen Volker ihren Agenturjob aufgab. Ausschlaggebend jedenfalls war ein Mittagessen beim Griechen. Es fing alles ganz harmlos an. Po erzählte mir von Leo, der schillerndsten Gestalt in ihrer WG. Er liebte Pos VW Cabrio und lieh es sich aus, wann immer sie es nicht brauchte. So auch letzten Sonntag. Er hatte eine Spritztour nach Salzburg gemacht, nur um dort die berühmten Salzburger Nockerl zu essen, einen pappsüßen Eierauflauf. Leo musste wohl in einem Touristennepp gelandet sein, denn ein dickbäuchiger Ober fragte ihn mit ungarischem Akzent, ob er die Nockerl mit Sauerkraut oder mit Salat wolle. „Moment, das muss ich mir noch überlegen“, erzählte Po im burschikosen Tonfall eines jungen Mannes. Sie war ein Talent im Nachahmen fremder Stimmen.

„Was hat er bestellt?“ fragte ich.

„Leo hätte die Salat-Version bestellt, nur um dem Ober eins auszuwischen. Aber Klara bekam einen ihrer Hitzeanfälle und alle mussten gehen.“

„Alle?“ fragte ich. „Ich dachte, Leo wäre allein nach Salzburg!“

„Oh nein, von uns macht selten einer etwas alleine. Außer ich natürlich, wenn ich arbeiten gehe!“

Wenn Po von ihrer WG erzählte, hatte ich stets den Eindruck, sie würde über eine glückliche Familie reden. Selbst wenn sie über Volker berichtete, der mir einen Tick zu streng erschien. Was er über Werber dachte, erfuhr ich an jenem Mittag beim Griechen.

Wir waren mit dem Essen fertig und gönnten uns noch einen Greek Coffee. In Gedanken war ich schon wieder bei meiner neuen Kampagne für eine Möbelkette und ich fragte Po, was sie vom Slogan  Kebana. Ein Wohnerlebnis für die Sinne“ hielt. Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu. „Blödsinn. Stühle sind zum Sitzen da, Betten zum Schlafen und im Schrank hängen die Klamotten. Das Ganze als Wohn-Erlebnis zu bezeichnen zeigt mal wieder, wie bescheuert Werber denken!“

Es waren nicht nur die Sätze, die mich irritierten. Po presste die Wörter heraus, es klang wie ein Schnarren und gar nicht mehr weich und weiblich. Auch ihre Haltung hatte sich verändert, sie krümmte sich zu Seite, als wollte ihre Wirbelsäule ein „S“ wie „Scheiße“ bilden. Ihre Gesichtszüge hatten sich zu einer finsteren Fratze verhärtet, die mich frösteln ließ. Das Ganze dauerte ein paar Sekunden, und dann war Po wieder die Alte. Sie lachte. „So, jetzt weist du, was Volker zu deiner Kampagne gesagt hätte. Ich finde sie klasse!“

„Prost Mahlzeit!“ antwortete ich immer noch leicht schockiert.

Und gleich darauf erstaunte mich Po mit einer neuen Vorstellung. Sie ließ die Zunge über ihre Oberlippe gleiten, beugte sich etwas vor, gerade so weit, dass ich in ihren Ausschnitt spitzen konnte, und sagte mit dunkler, hocherotischen Stimme: „Wie wär´s mit: Wohnen – ein Fest der Sinne!“  Sie zwinkerte anzüglich und nahm dann ihre übliche Haltung ein. Vor mir saß wieder die Tochter aus gutem Hause, die es nur zur Sekretärin gebracht hatte. Ich hingegen war nun endgültig verwirrt.

„Da kannst du mal sehen, mit welchen Leuten ich zusammen wohne“, erklärte Po. „So ein Slogan wäre Sissi zu deinem Thema eingefallen. Manchmal nervt sie mich mit ihrer sexistischen Art!“

„Kannst du sie mir mal vorstellen? Sexappeal kommt immer gut! Sie könnte mich beraten!“ sagte ich.

Po errötete, ich mochte diesen mädchenhaften Zug, am liebsten hätte ich sie in die Arme genommen, aber das stand mir nicht zu. Diese Phase hatten wir vor ein paar Tagen hinter uns gebracht.

Es war spät geworden und außer uns waren alle schon nach Hause gegangen. Ich feilte an einer Bildschirmpräsentation, die am nächsten Morgen um Zehn vorgeführt werden sollte. Po bereitete die Booklets dafür vor. Als ich fertig war, arbeitete Po immer noch im Konferenzraum. Sie hatte sich mit der Thermo-Bindemaschine und einer Menge Unterlagen am großen Tisch breit gemacht.

Ich wollte mich von ihr verabschieden, aber sie stand mit dem Rücken zur Tür und bemerkte mich nicht. So konnte ich ihr eine Weile zusehen. Normalerweise arbeitete sie still und konzentriert, manchmal sogar verbissen. An diesem Abend jedoch hatte sie das Radio angestellt und schien die Arbeit zu genießen. Auf dem Konferenztisch lagen zehn Stapel ungebundener Booklets und Po steckte eines davon in die Bindemaschine, drückte den Hebel und wartete, bis die Seiten zusammenklebten. Währenddessen summte sie das Lied aus dem Radio mit und ließ die Hüften kreisen.

Ich fühlte mich zum ersten und einzigen Mal erotisch angezogen. Unglaublich angezogen! Beim nächsten Booklet konnte ich nicht widerstehen. Ich packte sie zärtlich (oder war es doch etwas zu heftig?) um die Taille und drückte ihr einen Kuß in den Nacken. Auweia. Das hätte ich besser gelassen! Po wirbelte herum, wischte dabei das Bindegerät vom Tisch, die Blätter segelten durch den Raum und ich fing mir eine heftige Ohrfeige ein. Am Ende waren wir beide verdutzt. Sie hatte nicht mit mir gerechnet und ich hätte ihr einen derart kräftigen Schlag nicht zugetraut. Wir entschuldigten uns und dann wollte ich ihr beim Binden helfen. Pech gehabt, das Thermo-Bindegerät hatte seinen Geist aufgegeben. Wir versuchten eine Weile, es wieder herzurichten, hatten aber keine Chance. Und das am Vorabend der Präsentation!

„Macht nichts, ich nehme es mit nach Hause“, meinte Po. „Maggy wird es reparieren!“

„Maggy? Wohnt die auch bei euch?“

„Ja, Maggy ist unser Hausmeister. Sie kann alles reparieren, was man sich nur vorstellen kann. Ich komme morgen um sechs rein. Da habe ich genug Zeit, um alles vorzubereiten!“

„Ich bin auch um sechs da und helfe dir“, schlug ich vor.

„Lass das mal, du musst deine Kräfte für die Präsentation schonen. Ich komme alleine zu Recht!“ sagte sie und stupste mich in Richtung Tür. „Jetzt mach dich auf die Socken, ich räume nur noch alles auf und bin dann auch weg!“

„Bis morgen“ sagte ich und nahm mir vor, ebenfalls um sechs auf der Matte zu stehen. Es wurde dann zwar etwas später, aber immerhin war ich am nächsten Tag um halb Sieben vor der Agentur. Hinter keinem der Fenster brannte Licht, obwohl es noch finster war. Scheiße, dachte ich, sie hat verschlafen! Ich zückte mein Handy, erinnerte mich aber dann, dass ich ihre Privatnummer nicht hatte. „Scheiß, scheiße, scheiße“, schimpfte ich, während ich die Tür aufsperrte.

Auf dem Weg zur Teeküche warf ich einen Blick ins Konferenzzimmer. Himmel! Der Tisch war mit Kaffeetassen und Keksen vorbereitet und – siehe da – alle Mappen lagen gebunden unter dem Flipchart!  An jenem Morgen war keine Zeit mehr, sie zu fragen, wer die Maschine repariert hatte, und Abends hatte ich die Sache vergessen. Wahrscheinlich hätte ich sie komplett aus meinem Gedächtnis gestrichen, wäre Po nicht an jenem Mittag beim Griechen so verlegen geworden. Um vom Thema abzulenken, fragte sie: „Wann ist eigentlich die Kebana-Präsentation? Ich würde die Booklets gerne etwas früher vorbereiten.“

„Apropos Booklets“, antwortete ich. „Wie hast du es eigentlich geschafft, die Bindemaschine zu reparieren?“

Po rutschte auf ihrem Stuhl herum. Auf ihrer Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen, die sie mit einer theatralischen Geste weg wischte. „Keine Ahnung!“ sagte sie und sah sich nervös um. „Besser, du hörst jetzt auf mit deiner Fragerei. Die Leute schauen schon!“

Außer uns waren nur noch der Ober und ein Gast im Raum, letzterer saß mit dem Rücken zu uns und studierte die Speisekarte.

„Der Ober?“ fragte ich.

„Ja, der Ober. Ein unverschämter Kerl. Starrt mich an, als sei ich nicht ganz dicht! Komm, lass uns gehen. Ich muss sofort raus hier!“ Sie knallte einen 10 Euroschein auf den Tisch und rannte hinaus.

Heute weis ich natürlich, was das zu bedeuten hatte, aber damals war ich vor den Kopf gestoßen. Ich dachte, ihre Reaktion hätte etwas mit der Szene im Konferenzraum zu tun, aber wir hatten uns doch gegenseitig entschuldigt und wollten die Sache vergessen!

Ich zahlte und machte mich dann auf den Weg. Po saß bereits hinter ihrem Computer und würdigte mich keines Blickes, als ich an ihr vorbei hinauf in mein Glashaus ging. Abends war sie schon weg und so hatte ich keine Möglichkeit, nachzuhaken.

Am nächsten Tag war Po nicht an ihrem Arbeitsplatz. Als ich nach ihr fragte, hieß es, sie habe Grippe und sei krank geschrieben. Aus einer Woche wurden zwei, dann drei. Später hieß es, Po hätte so etwas wie einen Tennisarm, den man sich durch Computerarbeit holt. Nach fünf Wochen wurde ich unruhig. Sicher, ich hatte mir nichts vorzuwerfen, aber mich plagen unausgesprochene Abschiede. Also klemmte ich mich dahinter und presste dem Office-Manager ihre Adresse heraus. Po wohnte in der  Buschwindstraße 17, im äußersten Randbezirk der Stadt. 

Der nächste Sonntag schien mir für einen Krankenbesuch zu familiär, also entschied ich mich für den Samstag. Auf der Fahrt zu ihrem Haus wurde mir klar, wie weit draußen sie wirklich wohnte. Ich musste erst ein Stück die U-Bahn nehmen, dann fünf Stationen mit der S-Bahn und dann noch einmal sechs Stationen mit dem Bus.

Pos Wohngegend hatte ich mir nobler vorgestellt – in den meisten Gärten wurde Gemüse statt Rosen angepflanzt. Ganz am Ende der Buschwindstraße lag das Haus Nummer 17. Es stand auf einem riesigen Grundstück, das von einer hohen Mauer umgeben war, deren Putz an etlichen Stellen bröckelte. Das schmiedeeiserne Tor war von Rost zerfressen und es fehlte das Schloss. Da die Klingel an der Mauer keinen Knopf mehr hatte, zwängte ich mich einfach durch das Tor. Von dort aus führte ein Kiesweg – oder besser gesagt das, was davon  unter dem Unkraut erkennbar war – zum Eingangsportal mit einer Flügeltür. Das Milchglas des rechten Flügels hatte einen Sprung, der linke Flügel war mit Brettern vernagelt. Ebenso auch die Fenster des oberen Stockwerkes. Wie es um die Dachfenster stand, konnte ich von unten nicht sehen.

Während ich am Eingangsportal nach einer funktionsfähigen Klingel suchte, hörte ich plötzlich Geräusche. Sie mussten von der Westseite des Hauses kommen, also bewegte ich mich vorsichtig in diese Richtung. Ich spähte ums Hauseck und entdeckte ein offenes Fenster. Jetzt konnte ich das Klappern von Kochtöpfen erkennen.

Vielleicht hätte ich einfach nur nach Po rufen sollen, das wäre die einzig normale Reaktion gewesen. Ich drückte mich aber an die Mauer und schlich zum Fenster.

“Es ist nicht richtig, dass du dich so gehen lässt“, sagte jemand. Die Stimme klang gepresst und schnarrend, es musste Volker sein.

„Hör endlich auf mit deiner Kritisiererei. Sonst fahre ich heute noch an die Ostsee!“ sagte ein junger Mann, vermutlich Leo.

„Ich halte diese Hitze nicht mehr aus. Maggy sollte endlich den Ventilator reparieren!“ Das musste Klara sein.

„Jetzt reißt euch mal zusammen! Die Agentur ist gestorben. Oder wollt ihr wirklich, dass euch Martin entdeckt?“ sagte Po.

Aha, sie hatte ihnen also von mir erzählt. Das gab mir den Ruck. Ich stellte mich ins offene Fenster und rief hinein: „Hallo, Po!“ Und im gleichen Augenblick stockte mir der Atem. Po war alleine in dieser großen Küche. Sie stand am Herd und hantierte mit Kochtöpfen.

Po ließ sich nicht stören. Sie summte ein Lied und ließ dabei ihre Hüften kreisen. „Oh, der schöne Martin!“, sagte sie und warf mir einen lasziven Blick zu.

„Sissi! Willst du dich wohl beherrschen“, schimpfte Volker.

„Es reicht! Ich geh jetzt den Ventilator reparieren!“ sagte Maggy, setzte ein trotziges Mädchengesicht auf und ging zur Tür. Dort drehte sie sich um. Jetzt warf mir Sissi eine Kusshand zu. „Schätzchen, du bist eingeladen“, sagte sie mit ihrer dunklen, vielversprechenden Stimme.

Ich nahm die Einladung an und verbrachte einen wunderbaren Abend. Sissi ist seitdem verschwunden. Aber mit dem Rest führe ich immer noch interessante Gespräche.

 

(C) 2008 Romana Brunnauer