| Das stille Wasser oder: "A woman is dead". | | Drucken | |
| Geschrieben von Romana Brunnauer | |
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Die Mückenstiche jucken. Antonella muss sich zwingen, nicht das ganze Gesicht aufzukratzen. „Wo bist du eigentlich so zerstochen worden?“, fragt Heinrich, ohne den Blick von der Autobahn zu wenden. „Im Schwimmbad!“ Antonella spürt, wie sie rot wird, sie muss sich noch ans Lügen gewöhnen. „Soventol“ sagt Heinrich und deutet aufs Handschuhfach. Er hat nichts gemerkt.
Ich friere und meine Haut brennt, als hätte ich ein Säurebad genommen. Im Medikamentenschrank finde ich eine Tube Soventol-Gel und gehe hinüber ins Schlafzimmer. Heinrich liegt schon im Bett und liest im Ärzteblatt. „Kannst du mir den Rücken einschmieren?“, frage ich. Er sieht mich über den Rand der Zeitschrift an. „Muss das sein?“ „Ich habe einen Sonnenbrand und möchte, dass du ihn dir ansiehst!“ „Gut, komm her!“ Ich ziehe mein T-Shirt aus und zeige ihm den Rücken. „Hinlegen!“, befiehlt er und macht mir Platz. Ich lege mich bäuchlings aufs Laken und stütze das Kinn auf die Arme. Schweiß tropft von meiner Stirn, sammelt sich in den Armbeugen und rinnt in dünnen Fäden auf Heinrichs Kopfkissen. Vielleicht muss ich später den Bezug wechseln. Heinrich betrachtet meinen Rücken. „Da muss was Stärkeres drauf“, sagt er und geht ins Bad. Ich könnte heulen vor Schmerzen, aber ich muss tapfer sein, Heinrich mag keine weinerlichen Frauen. Um mich abzulenken, lausche ich den Geräuschen, die durch das offene Fenster dringen. Unten fahren Autos an, bremsen, hupen, ein Kind schreit, Menschen lachen – in warmen Sommernächten wie dieser hört sich das Lautgemisch bunt und südländisch an, aber nur hier oben, wenn ich den Rotkreuzplatz nicht im Blick habe. Heinrich kommt zurück und macht das Fenster zu. „Lass es doch auf, es ist so heiß“, sage ich. „Es ist zu laut“ antwortet er, kommt zum Bett und zieht meinen Kopf an den Haaren hoch. „Arme ausstrecken!“ Seine Stimme klingt schrill, sie macht mir Angst, aber ich tue, was er sagt und spüre, wie ich steif werde. Heinrich führt er meine Hände zum Kopfteil des Bettes. „Festhalten!“ Ich kralle meine Finger um die Kante und Heinrich hockt sich auf meinen Hintern. „Wie kann man nur so dämlich sein!“ sagt er, und massiert meine Schultern. „Jeder Elefant schützt sich. Und du lässt dich rösten!“ Er packt fester zu, der Schmerz ist kaum noch auszuhalten, aber ich reiße mich zusammen. „Ich wollte doch nur etwas braun werden. Susanne liegt doch auch den ganzen Tag in der Sonne!“ Heinrich klatscht eine Salbe auf meine Schultern und knetet sie in die Haut. „Eine Made sollte sich nicht mit einer bunten Raupe messen!“, sagt er.
Antonella holt das Soventol aus dem Handschuhfach und betupft die Stiche im Gesicht. Die Arme reibt sie großflächig ein. Es dauert eine Weile, bis das Mittel wirkt. Erst als Heinrich die Autobahn verlässt, hört das Jucken auf. Der Iffeldorfer Parkplatz ist wegen Überfüllung geschlossen. Heinrich wendet den Wagen und reiht sich in die Autoschlange ein, die hinauf ins Dorf will. Während der Woche herrscht hier eine perfekte bayerische Idylle, an den Wochenenden allerdings fallen die Münchner ein und heute, am letzten Sonntag im August, ist die Hölle los – eine bunte Hölle auf Rädern: Autos, Fahrräder und Inlineskater verstopfen die Hauptstraße, jeder scheint in eine andere Richtung zu drängen und niemand kommt so richtig voran. Heinrich klopft auf dem Lenkrad herum. „So ein tolles Wetter und dann diese Scheiße. Wir sollten umkehren.“ Noch vor ein paar Tagen wäre Antonia auf Heinrichs Vorschlag eingegangen, sie hält nicht viel vom Nacktbaden und liegt nicht gerne in der Sonne. Aber heute hat sie etwas Wichtiges vor. „Susanne und Willi sind früher gekommen und halten uns einen Platz auf der Liegewiese frei.“ sagt sie. „Wir können sie doch nicht einfach versetzen!“ Heinrich schnaubt, und als sich die Autoschlange bewegt, biegt er in Richtung Starnberg ab. Nach dem letzten Haus am Dorfrand findet er eine kleine freie Parkbucht. „Schöner Schattenplatz!“, sagt Antonella. Heinrich steigt aus und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Die Kühlbox schleppe ich nicht bis zum See! Wenn du darauf bestehst, musst du sie schon selber tragen!“ In der Kühlbox sind Getränke und frisches Obst, aber Antonella ist das heute nicht wichtig, sie kann gut darauf verzichten. Sie holt ihre Badetasche aus dem Kofferraum, klemmt sich den Sonnenschirm unter den Arm und macht sich auf den Weg. Heinrich schlurft hinter ihr her. An der Weggabelung biegen Antonella und Heinrich rechts ab zum Fohnsee. Heute liegen hier die Nackten Handtuch an Handtuch und die beiden halten nach ihren Freunden Ausschau. Nach einer Weile zupft Heinrich Antonella am Ärmel und deutet auf einen knallgelben Sonnenschirm, der sich weiter hinten gegen den blauen Himmel abhebt. „Susannes Schirm“, sagt er und steuert darauf zu. Seine Schritte sind jetzt schnell und leicht, als müsse er beweisen, wie wenig ihm die Hitze ausmacht. Susanne und Willi haben eine schöne Stelle dicht am Wasser gefunden. Nach der üblichen Begrüßung mit Bussi hier und Bussi da, raffen sie zwei große Badetücher zusammen, die sie ausgebreitet hatten, um Plätze frei zu halten. Antonella legt ihr Handtuch in den Schatten der großen Tanne. Sie zieht ihr T-Shirt aus und lächelt verbissen. Ungelenk streift sie ihre Hose mitsamt der Unterhose ab und kann dabei kaum verbergen, wie sehr sie sich dazu überwinden muss. Als sie Heinrichs süffisantes Lächeln bemerkt, knüllt sie rasch die Unterhose zusammen und steckt sie in ihre Badetasche. „Bravo!“, sagt Heinrich. Susanne wirft ihm einen gespielt strafenden Blick zu und räkelt sich auf ihrem Handtuch. „Zieh sie nicht andauernd auf!“ „Sie soll sich nicht so haben!“ antwortet Heinrich und schippt seine Unterhose mit der großen Zehe in Susannes Richtung. Antonella streift ihr Badetuch glatt und schaut in die Runde. "Ich geh ins Wasser. Wer geht mit?" fragt sie und erhält ein allgemeines Kopfschütteln zur Antwort. Also geht sie alleine. Nach einer Viertelstunde Schwimmen ist sie angenehm erfrischt und legt sich auf ihr Badetuch. Susanne setzt sich auf und ruft Antonella zu: „Mensch, du siehst ja immer noch aus wie eine Made! Leg dich doch etwas in die Sonne!“ „Maden sollten sich nicht rösten!“, antwortet Antonella und lächelt in sich hinein. Bald schon wird sie das Wasser wie ein Kokon umschließen und wenn alles gut geht, wird sie ihm als Schmetterling entsteigen. Eine Stunde später packen die ersten Leute ihre Badesachen ein und ziehen in kleinen Grüppchen am Hügel vorbei zum Parkplatz. Die Sonne steht jetzt schräg über den Berggipfeln und Antonella bettet ihren Kopf auf die Badetasche. Sie hält sich das Buch vors Gesicht, als würde sie lesen. In Wahrheit aber versteckt sie sich nur dahinter. Plötzlich steht Heinrich auf und zieht Antonella mit einem Ruck die Badetasche weg. „Wo ist denn meine Uhr?“, fragt er und kramt in der Tasche. Antonella reibt sich den Hinterkopf. „In der kleinen Außentasche!“ antwortet sie. Susanne setzt sich träge auf und blinzelt mit vorgehaltener Hand gegen die Sonne. „Wie spät?“ „Fünf nach fünf“, antwortet Heinrich und schnallt seine Uhr ans Armgelenk. „Wir könnten langsam an Aufbruch denken!“ Jetzt wird auch Willi munter, er hat die ganze Zeit gedöst und das Gesicht unter seinem Strohhut versteckt. Sein Bauch hat einen leichten Sonnenbrand abbekommen. „Biergarten?“, fragt er. Heinrich schüttelt den Kopf. „Ich muss noch in die Praxis. Die Kassenabrechnung ist noch nicht fertig.“ „Schade“, sagt Willi. Er setzt sich auf, sieht in Antonellas Richtung und legt die Hand schützend über die Augen. „Aber du könntest noch etwas hier bleiben und dann mit uns nach Hause fahren!“ „Sie hilft mir bei der Abrechnung“, sagt Heinrich und fügt mit einem Blick auf Antonella hinzu: „Das machst du doch, oder?“ Antonella nickt und steht auf. „Aber erst will ich noch mal ins Wasser!“ Sie lässt den Blick durch die Runde schweifen. „Wer geht mit?“ Willi legt sich wieder auf den Rücken. Heinrich sieht vorwurfsvoll auf die Uhr und schüttelt den Kopf. „Nur ganz kurz“ sagt Antonella und stapft zum See. „Warte!“, ruft Susanne, springt auf und läuft Antonia hinterher. Als die Beiden knöcheltief im Wasser stehen, dreht sich Antonella noch einmal um. Heinrich redet auf Willi ein, was Antonella an seinen ausladenden Gesten erkennt. Willi scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen und stülpt den Sonnenhut übers Gesicht. Willi ist der Einzige, von dem sich Antonella nicht so leicht trennt. Wahrscheinlich ist auch er der Einzige, dem sie wirklich fehlen wird. „Was ist?“ Susanne strampelt mit den Beinen. Ihre blonden, halblangen Haare sind nass und kleben an der Stirn. „Ich komme!“, ruft Antonella und hechtet kopfüber ins Wasser. Nach ein paar Schwimmzügen legt sie sich auf den Rücken und betrachtet das Bergpanorama, das sich südlich der Osterseen auftut. Föhn lässt die Benediktenwand und den Heimgarten ganz nah erscheinen, man kann sogar einzelne Felsen und Rinnen erkennen. Susanne schwimmt mit kräftigen Zügen in den See hinaus, als hätte sie ein festes Ziel. Antonella macht sich nicht die Mühe, ihr nach zu schwimmen, es hätte keinen Sinn, denn wie üblich geht ihr bereits nach zwanzig Metern die Luft aus. Susanne dreht sich auf den Rücken, paddelt mit den Füßen und ruft: „Herrlich!“ Antonella und Susanne schwimmen noch eine Weile nebeneinander her, dann fällt Susanne zurück. Sie versucht, Antonella an der Wade zu packen, rutscht aber ab. „Hey! Nicht so weit! Wir sollten umkehren!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, strampelt Susanne ans Ufer zurück und wirbelt dabei Wasserfontänen auf. Die kleinen Tropfen glitzern bunt in der Abendsonne. „Fünf Minuten noch“ ruft ihr Antonella hinterher und steuert das Westufer an. Ihr Ziel kann sie noch nicht erkennen, es ist eine Stelle im Schilf, die sie gestern ausgemacht und mit einem roten Tuch gekennzeichnet hat. Der Schilfgürtel liegt greifbar nahe, sie müsste ihn in einer viertel Stunde erreichen, kein Problem für eine gute Schwimmerin – und schwimmen kann Antonella, es ist der einzige Sport, der ihr wirklich etwas gibt. Hinter Antonella klatscht etwas auf, und als sie sich umdreht, kann sie gerade noch die Schwanzflosse eines großen Fisches erkennen, der sich eine der vielen Mücken geschnappt hat, die in dicken Schwärmen über der Wasseroberfläche schweben. Der Nacktbadestrand ist noch relativ nah, sie erkennt Heinrich, wie er ausladend gestikuliert, wahrscheinlich bohrt er den Zeigefinger in die Luft. Jahrelang hat sie diese Geste ertragen und sich nicht gewehrt. Sie schüttelt sich, dreht sich um und schwimmt weiter. Jetzt erst bemerkt sie, dass ein weißes Schlauchboot direkt auf sie zu kommt. In dem Boot sitzen ein kleiner Junge und ein Mann, wahrscheinlich Vater und Sohn. Sie müssen vom Zeltplatz am Ostufer kommen, denn am Nacktbadestrand gibt es keine Schlauchboote, niemand würde sie die weite Strecke vom Parkplatz bis zur Liegewiese tragen. Antonella sieht angestrengt in die andere Richtung, die Leute sollen ihr Gesicht nicht sehen, sie sollen sich später nicht an sie erinnern können. Aber das Schlauchboot kommt näher und steuert nun direkt auf Antonella zu. Der Junge kichert, sagt etwas zu seinem Vater und dann lacht der Mann. Er winkt Antonella zu und ruft: „Hallo, hallo! Sie!“ Antonella schwimmt weiter, als hätte sie den Mann nicht gehört. Dieser jedoch gibt nicht auf, paddelt näher heran, das Boot ist jetzt nur noch drei Meter entfernt. „Hallo, Sie!“ Ohne sich umzudrehen antwortet Antonella: „Ja?“ Der Junge kichert, und der Mann gluckst, er kann ein Lachen kaum unterdrücken, als er fragt: „Können Sie mal einen Zehner wechseln?“ Antonella ist peinlich berührt und schwimmt weiter, als ob sie den Mann nicht gehört hätte. Doch plötzlich packt sie die Wut. Warum nur lässt sie sich von dieser armseligen Figur mit seiner kleinen Rotznase einschüchtern! Sie holt tief Luft, dreht sich um, strampelt mit den Füßen, um etwas aus dem Wasser zu kommen. „Tut mir leid, ich hab nur einen Hunderter dabei!“ ruft sie mit fester Stimme. Der Mann schaut sie erstaunt an, er will etwas sagen, es scheint ihm aber nichts Rechtes einzufallen, also sagt er nichts und glotzt. Antonella hält seinem Blick stand, tritt Wasser und wedelt mit den Händen, um nicht abzutreiben. Um ihren Kopf schwirren Mücken, aber sie zuckt nicht einmal mit den Lidern. Mit jeder Sekunde wird sie stärker, und mit jeder Sekunde kippt der Mann ein bisschen mehr, wird kleiner und kleiner, bis er schließlich die Augen senkt und sein Boot abdreht. Die Rotznase lehnt über dem Heck, der Kleine schaut Antonella erstaunt an, als könne er nicht glauben, dass das alles gewesen sein soll. Gestärkt, wie nach einer guten Mahlzeit, schwimmt Antonella weiter. Eine leichte Brise kommt auf und bewegt das Schilf am Westufer, ein winziges Fleckchen Rot zeigt Antonella, dass sie in die richtige Richtung schwimmt. Vor ihr liegen noch etwa zwölfhundert Meter und sie merkt, wie ihre Arme schwerer werden. Um sich etwas auszuruhen, legt sie sich auf den Rücken, als Kinder hatten sie diese Stellung Toter Mann genannt. Die untergehende Sonne färbt die Benediktenwand rot und der Himmel darüber leuchtet violett. Antonella weiß, dass morgen ein schöner Tag werden wird – so oder so. Das Schlauchboot ist jetzt nur noch als kleiner weißer Fleck am Wasser zu erkennen. Antonella hat sich nicht getäuscht, die Leute kommen vom Zeltplatz, und vielleicht würde sie sich nächstes Jahr auch ein Zelt kaufen und es dort aufstellen. Ja, nächstes Jahr würde alles ihr Spiel sein, egal was sie tut - und wenn es Zelten ist!
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