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Das stille Wasser oder: "A woman is dead". | Drucken |
Geschrieben von Romana Brunnauer   

Die Mückenstiche jucken. Antonella muss sich zwingen, nicht das ganze Gesicht aufzukratzen. 

„Wo bist du eigentlich so zerstochen worden?“, fragt Heinrich, ohne den Blick von der Autobahn zu wenden.

„Im Schwimmbad!“ Antonella spürt, wie sie rot wird, sie muss sich noch ans Lügen gewöhnen.

„Soventol“ sagt Heinrich und deutet aufs Handschuhfach. Er hat nichts gemerkt.

 

Ich friere und meine Haut brennt, als hätte ich ein Säurebad genommen. Im Medikamentenschrank finde ich eine Tube Soventol-Gel und gehe hinüber ins Schlafzimmer. Heinrich liegt schon im Bett und liest im Ärzteblatt. 

„Kannst du mir den Rücken einschmieren?“, frage ich.

Er sieht mich über den Rand der Zeitschrift an. „Muss das sein?“

„Ich habe einen Sonnenbrand und möchte, dass du ihn dir ansiehst!“

„Gut, komm her!“

Ich ziehe mein T-Shirt aus und zeige ihm den Rücken.

„Hinlegen!“, befiehlt er und macht mir Platz. Ich lege mich bäuchlings aufs Laken und stütze das Kinn auf die Arme. Schweiß tropft von meiner Stirn, sammelt sich in den Armbeugen und rinnt in dünnen Fäden auf Heinrichs Kopfkissen. Vielleicht muss ich später den Bezug wechseln.

Heinrich betrachtet meinen Rücken. „Da muss was Stärkeres drauf“, sagt er und geht ins Bad.

Ich könnte heulen vor Schmerzen, aber ich muss tapfer sein, Heinrich mag keine weinerlichen Frauen. Um mich abzulenken, lausche ich den Geräuschen, die durch das offene Fenster dringen. Unten fahren Autos an, bremsen, hupen, ein Kind schreit, Menschen lachen – in warmen Sommernächten wie dieser hört sich das Lautgemisch bunt und  südländisch an, aber nur hier oben, wenn ich den Rotkreuzplatz  nicht im Blick habe.

Heinrich kommt zurück und macht das Fenster zu.

„Lass es doch auf, es ist so heiß“, sage ich.

„Es ist zu laut“ antwortet er, kommt zum Bett und zieht meinen Kopf an den Haaren hoch. „Arme ausstrecken!“ Seine Stimme klingt schrill, sie macht mir Angst, aber ich tue, was er sagt und spüre, wie ich steif werde.

Heinrich führt er meine Hände zum Kopfteil des Bettes. „Festhalten!“

Ich kralle meine Finger um die Kante und Heinrich hockt sich auf meinen Hintern. „Wie kann man nur so dämlich sein!“ sagt er, und massiert meine Schultern. „Jeder Elefant schützt sich. Und du lässt dich rösten!“ Er packt fester zu, der Schmerz ist kaum noch auszuhalten, aber ich reiße mich zusammen.  „Ich wollte doch nur etwas braun werden. Susanne liegt doch auch den ganzen Tag in der Sonne!“

Heinrich klatscht eine Salbe auf meine Schultern und knetet sie in die Haut. „Eine Made sollte sich nicht mit einer bunten Raupe messen!“, sagt er.

  

Antonella holt das Soventol aus dem Handschuhfach und betupft die Stiche im Gesicht. Die Arme reibt sie großflächig ein. Es dauert eine Weile, bis das Mittel wirkt. Erst als Heinrich die Autobahn verlässt, hört das Jucken auf.

Der Iffeldorfer Parkplatz ist wegen Überfüllung geschlossen. Heinrich wendet den Wagen und reiht sich in die Autoschlange ein, die hinauf ins Dorf will. Während der Woche herrscht hier eine perfekte bayerische Idylle, an den Wochenenden allerdings fallen die Münchner ein und heute, am letzten Sonntag im August, ist die Hölle los – eine bunte Hölle auf Rädern: Autos, Fahrräder und Inlineskater verstopfen die Hauptstraße, jeder scheint in eine andere Richtung zu drängen und niemand kommt so richtig voran. Heinrich klopft auf dem Lenkrad herum. „So ein tolles Wetter und dann diese Scheiße. Wir sollten umkehren.“

Noch vor ein paar Tagen wäre Antonia auf Heinrichs Vorschlag eingegangen, sie hält nicht viel vom Nacktbaden und liegt nicht gerne in der Sonne. Aber heute hat sie etwas Wichtiges vor.

„Susanne und Willi sind früher gekommen und halten uns einen Platz auf der Liegewiese frei.“ sagt sie. „Wir können sie doch nicht einfach versetzen!“

Heinrich schnaubt, und als sich die Autoschlange bewegt, biegt er in Richtung Starnberg ab. Nach dem letzten Haus am Dorfrand findet er eine kleine freie Parkbucht.

„Schöner Schattenplatz!“, sagt Antonella.

Heinrich steigt aus und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Die Kühlbox schleppe ich nicht bis zum See! Wenn du darauf bestehst, musst du sie schon selber tragen!“

In der Kühlbox sind Getränke und frisches Obst, aber Antonella ist das heute nicht wichtig, sie kann gut darauf verzichten. Sie holt ihre Badetasche aus dem Kofferraum, klemmt sich den Sonnenschirm unter den Arm und macht sich auf den Weg. Heinrich schlurft hinter ihr her. An der Weggabelung biegen Antonella und Heinrich rechts ab zum Fohnsee.

Heute liegen hier die Nackten Handtuch an Handtuch und die beiden halten nach ihren Freunden Ausschau. Nach einer Weile zupft Heinrich Antonella am Ärmel und deutet auf einen knallgelben Sonnenschirm, der sich weiter hinten gegen den blauen Himmel abhebt. „Susannes Schirm“, sagt er und steuert darauf zu. Seine Schritte sind jetzt schnell und leicht, als müsse er beweisen, wie wenig ihm die Hitze ausmacht.

Susanne und Willi haben eine schöne Stelle dicht am Wasser gefunden. Nach der üblichen Begrüßung mit Bussi hier und Bussi da, raffen sie zwei große Badetücher zusammen, die sie ausgebreitet hatten, um Plätze frei zu halten. Antonella legt ihr Handtuch in den Schatten der großen Tanne. Sie zieht ihr T-Shirt aus und lächelt verbissen. Ungelenk streift sie ihre Hose mitsamt der Unterhose ab und kann dabei kaum verbergen, wie sehr sie sich dazu überwinden muss. Als sie Heinrichs süffisantes Lächeln bemerkt, knüllt sie rasch die Unterhose zusammen und steckt sie in ihre Badetasche.

„Bravo!“, sagt Heinrich.

Susanne wirft ihm einen gespielt strafenden Blick zu und räkelt sich auf ihrem Handtuch. „Zieh sie nicht andauernd auf!“

„Sie soll sich nicht so haben!“ antwortet Heinrich und schippt seine Unterhose mit der großen Zehe in Susannes Richtung. Antonella streift ihr Badetuch glatt und schaut in die Runde. "Ich geh ins Wasser. Wer geht mit?" fragt sie und erhält ein allgemeines Kopfschütteln zur Antwort. Also geht sie alleine.

Nach einer Viertelstunde Schwimmen ist sie angenehm erfrischt und legt sich auf ihr Badetuch. Susanne setzt sich auf und ruft Antonella zu: „Mensch, du siehst ja immer noch aus wie eine Made! Leg dich doch etwas in die Sonne!“

„Maden sollten sich nicht rösten!“, antwortet Antonella und lächelt in sich hinein. Bald schon wird sie das Wasser wie ein Kokon umschließen und wenn alles gut geht, wird sie ihm als Schmetterling entsteigen.

Eine Stunde später packen die ersten Leute ihre Badesachen ein und ziehen in kleinen Grüppchen am Hügel vorbei zum Parkplatz. Die Sonne steht jetzt schräg über den Berggipfeln und Antonella bettet ihren Kopf auf die Badetasche. Sie hält sich das Buch vors Gesicht, als würde sie lesen. In Wahrheit aber versteckt sie sich nur dahinter.

Plötzlich steht Heinrich auf und zieht Antonella mit einem Ruck die Badetasche weg. „Wo ist denn meine Uhr?“, fragt er und kramt in der Tasche. 

Antonella reibt sich den Hinterkopf. „In der kleinen Außentasche!“ antwortet sie.

Susanne setzt sich träge auf und blinzelt mit vorgehaltener Hand gegen die Sonne. „Wie spät?“

„Fünf nach fünf“, antwortet Heinrich und schnallt seine Uhr ans Armgelenk. „Wir könnten langsam an Aufbruch denken!“

Jetzt wird auch Willi munter, er hat die ganze Zeit gedöst und das Gesicht unter seinem Strohhut versteckt. Sein Bauch hat einen leichten Sonnenbrand abbekommen. „Biergarten?“, fragt er.

Heinrich schüttelt den Kopf. „Ich muss noch in die Praxis. Die Kassenabrechnung ist noch nicht fertig.“

„Schade“, sagt Willi. Er setzt sich auf, sieht in Antonellas Richtung und legt die Hand schützend über die Augen. „Aber du könntest noch etwas hier bleiben und dann mit uns nach Hause fahren!“

 „Sie hilft mir bei der Abrechnung“, sagt Heinrich und fügt mit einem Blick auf Antonella hinzu: „Das machst du doch, oder?“

Antonella nickt und steht auf. „Aber erst will ich noch mal ins Wasser!“ Sie lässt den Blick durch die Runde schweifen. „Wer geht mit?“

Willi legt sich wieder auf den Rücken. Heinrich sieht vorwurfsvoll auf die Uhr und schüttelt den Kopf.

„Nur ganz kurz“ sagt Antonella und stapft zum See.

„Warte!“, ruft Susanne, springt auf und läuft Antonia hinterher. Als die Beiden knöcheltief im Wasser stehen, dreht sich Antonella noch einmal um. Heinrich redet auf Willi ein, was Antonella an seinen ausladenden Gesten erkennt. Willi scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen und stülpt den Sonnenhut übers Gesicht.

Willi ist der Einzige, von dem sich Antonella nicht so leicht trennt. Wahrscheinlich ist auch er der Einzige, dem sie wirklich fehlen wird.

 „Was ist?“ Susanne strampelt mit den Beinen. Ihre blonden, halblangen Haare sind nass und kleben an der Stirn.

 „Ich komme!“, ruft Antonella und hechtet kopfüber ins Wasser. Nach ein paar Schwimmzügen legt sie sich auf den Rücken und betrachtet das Bergpanorama, das sich südlich der Osterseen auftut. Föhn lässt die Benediktenwand und den Heimgarten ganz nah erscheinen, man kann sogar einzelne Felsen und Rinnen erkennen.

Susanne schwimmt mit kräftigen Zügen in den See hinaus, als hätte sie ein festes Ziel. Antonella macht sich nicht die Mühe, ihr nach zu schwimmen, es hätte keinen Sinn, denn wie üblich geht ihr bereits nach zwanzig Metern die Luft aus. Susanne dreht sich auf den Rücken, paddelt mit den Füßen und ruft: „Herrlich!“

Antonella und Susanne schwimmen noch eine Weile nebeneinander her, dann fällt Susanne zurück. Sie versucht, Antonella an der Wade zu packen, rutscht aber ab. „Hey! Nicht so weit! Wir sollten umkehren!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, strampelt Susanne ans Ufer zurück und wirbelt dabei Wasserfontänen auf. Die kleinen Tropfen glitzern bunt in der Abendsonne. 

„Fünf Minuten noch“ ruft ihr Antonella hinterher und steuert das Westufer an. Ihr Ziel kann sie noch nicht erkennen, es ist eine Stelle im Schilf, die sie gestern ausgemacht und mit einem roten Tuch gekennzeichnet hat. Der Schilfgürtel liegt greifbar nahe, sie müsste ihn in einer viertel Stunde erreichen, kein Problem für eine gute Schwimmerin – und schwimmen kann Antonella, es ist der einzige Sport, der ihr wirklich etwas gibt.

Hinter Antonella klatscht etwas auf, und als sie sich umdreht, kann sie gerade noch die Schwanzflosse eines großen Fisches erkennen, der sich eine der vielen Mücken geschnappt hat, die in dicken Schwärmen über der Wasseroberfläche schweben.

Der Nacktbadestrand ist noch relativ nah, sie erkennt Heinrich, wie er ausladend gestikuliert, wahrscheinlich bohrt er den Zeigefinger in die Luft. Jahrelang hat sie diese Geste ertragen und sich nicht gewehrt. Sie schüttelt sich, dreht sich um und schwimmt weiter. Jetzt erst bemerkt sie, dass ein weißes Schlauchboot direkt auf sie zu kommt. In dem Boot sitzen ein kleiner Junge und ein Mann, wahrscheinlich Vater und Sohn. Sie müssen vom Zeltplatz am Ostufer kommen, denn am Nacktbadestrand gibt es keine Schlauchboote, niemand würde sie die weite Strecke vom Parkplatz bis zur Liegewiese tragen. Antonella sieht angestrengt in die andere Richtung, die Leute sollen ihr Gesicht nicht sehen, sie sollen sich später nicht an sie erinnern können. Aber das Schlauchboot kommt näher und steuert nun direkt auf Antonella zu. Der Junge kichert, sagt etwas zu seinem Vater und dann lacht der Mann. Er winkt Antonella zu und ruft: „Hallo, hallo! Sie!“

Antonella schwimmt weiter, als hätte sie den Mann nicht gehört. Dieser jedoch gibt nicht auf, paddelt näher heran, das Boot ist jetzt nur noch drei Meter entfernt.

„Hallo, Sie!“

Ohne sich umzudrehen antwortet Antonella: „Ja?“

Der Junge kichert, und der Mann gluckst, er kann ein Lachen kaum unterdrücken, als er fragt: „Können Sie mal einen Zehner wechseln?“

Antonella ist peinlich berührt und schwimmt weiter, als ob sie den Mann nicht gehört hätte. Doch plötzlich packt sie die Wut. Warum nur lässt sie sich von dieser armseligen Figur mit seiner kleinen Rotznase einschüchtern! Sie holt tief Luft, dreht sich um, strampelt mit den Füßen, um etwas aus dem Wasser zu kommen. „Tut mir leid, ich hab nur einen Hunderter dabei!“ ruft sie mit fester Stimme.

Der Mann schaut sie erstaunt an, er will etwas sagen, es scheint ihm aber nichts Rechtes einzufallen, also sagt er nichts und glotzt. Antonella hält seinem Blick stand, tritt Wasser und wedelt mit den Händen, um nicht abzutreiben. Um ihren Kopf schwirren Mücken, aber sie zuckt nicht einmal mit den Lidern. Mit jeder Sekunde wird sie stärker, und mit jeder Sekunde kippt der Mann ein bisschen mehr, wird kleiner und kleiner, bis er schließlich die Augen senkt und sein Boot abdreht. Die Rotznase lehnt über dem Heck, der Kleine schaut Antonella erstaunt an, als könne er nicht glauben, dass das alles gewesen sein soll.

Gestärkt, wie nach einer guten Mahlzeit, schwimmt Antonella weiter. Eine leichte Brise kommt auf und bewegt das Schilf am Westufer, ein winziges Fleckchen Rot zeigt Antonella, dass sie in die richtige Richtung schwimmt. Vor ihr liegen noch etwa zwölfhundert Meter und sie merkt, wie ihre Arme schwerer werden. Um sich etwas auszuruhen, legt sie sich auf den Rücken, als Kinder hatten sie diese Stellung Toter Mann genannt.

Die untergehende Sonne färbt die Benediktenwand rot und der Himmel darüber leuchtet violett. Antonella weiß, dass morgen ein schöner Tag werden wird – so oder so. Das Schlauchboot ist jetzt nur noch als kleiner weißer Fleck am Wasser zu erkennen. Antonella hat sich nicht getäuscht, die Leute kommen vom Zeltplatz, und vielleicht würde sie sich nächstes Jahr auch ein Zelt kaufen und es dort aufstellen. Ja, nächstes Jahr würde alles ihr Spiel sein, egal was sie tut - und wenn es Zelten ist!

  

Es regnet und im Zelt wird es langsam kalt. Ich höre Susannes gleichmäßigen Atem, sie liegt neben mir und hat sich so weit in ihren Schlafsack verkrochen, dass nur noch eine blonde Haarsträhne wie ein Heubüschel heraussteht. Heinrich und Willi schlafen im kleineren Zelt, sie haben uns das größere gegeben, weil es vermutlich besser hält.  Aber trotzdem könnte ich sie erwürgen, weil sie uns zu dieser Fahrradtour überredet haben. München, Zelten am Pilsensee und am nächsten Tag zurück – das ist an sich keine große Sache, wenn das Wetter hält.

Draußen pfeift etwas, erst denke ich, es wäre ein Tier, aber dann kann ich eine Melodie erkennen, es klingt wie ein Kirchenlied. Susanne setzt sich abrupt auf und horcht, als hätte sie auf dieses Pfeifen gewartet. Offensichtlich hat sie sich die ganze Zeit über  nur schlafend gestellt. Sie dreht sich zu mir um und prüft, ob ich schlafe. In der Dunkelheit kann sie nicht sehen, dass meine geschlossenen Augenlider nervös zucken, aber ich schaffe es, meinen Atem ruhig und gleichmäßig zu halten. Susanne pellt sich vorsichtig aus dem Schlafsack. Fast geräuschlos öffnet sie den Reißverschluss des Zelts und schlüpft hinaus. Ich halte den Atem an und horche auf die Geräusche, die von draußen zu mir dringen. Stoff reibt sich aneinander, zwei Menschen atmen, und Susanne flüstert „Endlich!“

Das Atmen der beiden Menschen wird schwerer, ich vermute, dass sie sich küssen. „Komm, wir gehen zum Steg, sonst wacht sie auf!“ flüstert Heinrich.

„Enemies“ murmle ich in die Dunkelheit. Das englische Wort klingt beruhigend, als trage es einen Funken Hoffnung in sich. 

 

 Antonella trennen etwa sechshundert Meter Wasser vom Schilfgürtel. Sie lächelt in stiller Vorfreude und schwimmt etwas schneller. Ihr Herz klopft eine Spur zu schnell, aber das ist egal, sie kann es kaum erwarten, am anderen Ufer anzukommen. Ihr Kopf sagt: Langsam Antonella, spare deine Kräfte, du musst durchhalten, ihr Körper aber drängt nach vorne, will hinüber zum Schilf, das ab und zu ein kleines rotes Tuch durchschimmern lässt, und Antonella anspornt wie ein Fremder, der ein Kind mit Süßigkeiten lockt. Doch dann kann sie nicht mehr, sie hält inne und atmet schwer, ihr Körper ist ausgekühlt und überzogen mit einer Gänsehaut, auf der sich trotz Nässe alle Härchen aufstellen. Die Sonne berührt jetzt die Bergspitzen, sie scheint sie zu küssen, zaghaft noch, aber das wird sich ändern, in ein paar Minuten wird sich ihr rotes Licht über die Gipfel ergießen. Auf dem Rücken liegend betrachtet Antonella das Schauspiel, sie will nur eine kleine, ganz kurze Rast einlegen. Das Wasser wird immer kälter, aber sie bereut nichts, rein gar nichts. Hätte sie vorgestern am Bahnhof diese kleine rote Brieftasche einfach liegen gelassen, würde sie heute Abend für Heinrich die Kassenabrechnung machen. Wahrscheinlich hätte sie noch Jahre so weiter gemacht, ohne zu merken, dass man auch aufhören kann. Mit vor Kälte blauen Lippen lächelt Antonella über den glücklichen Zufall.

 

 

Es ist halb sechs und am Bahnhof laufen die Menschen scheinbar willkürlich in alle Richtungen. Ich steige die Treppen zur U-Bahn hinunter, die Einkaufstüten sind schwer und das Plastik schneidet die Finger ein. Auf halber Höhe blitzt mich etwas Rotes an, es ist eine Brieftasche aus Lackleder. Kurz überlege ich, ob ich einfach weitergehen soll, aber dann bin ich doch zu neugierig, stelle die Einkaufstüten ab und hebe die Brieftasche auf. Es ist kein Geld darin, wahrscheinlich hat sie ein Dieb geplündert und dann achtlos weggeworfen. In der Außentasche entdecke ich einen Personalausweis. Er ist auf Kathleen Fuller ausgestellt, ihr Wohnort ist London.

Fasziniert von dem kleinen eingeschweißten Foto der Frau setze ich mich auf die Treppe. Kathleen Fuller könnte meine Schwester sein, dieses Foto ähnelt mir in einer Weise, die an Wunder glauben lässt. Nur die  Augenfarbe ist anders. Meine Augen sind himmelblau, ihre scheinen viel dunkler zu sein, vielleicht graugrün. Und sie wirkt hübscher! Es kann nur an ihrer Kleidung liegen und vielleicht auch an der Art, wie sie in die Kamera schaut. Ihre Augen glänzen.

Ich stelle mir Kathleen Fuller leibhaftig vor und lasse sie auf mich zukommen. Sie strahlt,  und  ich sehe, wie leicht und fließend sie sich bewegt. Ein wohliges Gefühl durchströmt mich, es ist, als ob ich eine verloren geglaubte Freundin wieder gefunden hätte, als könnte ich nach langer Zeit endlich heimkehren.

  

Über dem Fohnsee kreist ein Bussard und Antonella verfolgt seine Bahnen, bis er hinter dem Hügel im Süden verschwindet, an dessen Kamm kleine Sonnenschirmchen eine merkwürdige Silhouette bilden. Als sie wieder etwas Kraft gesammelt hat, schwimmt sie weiter. Ihre Glieder sind vor Kälte steif geworden und in den Gelenken zieht ein leichter Schmerz, aber sie will durchhalten um jeden Preis, das Ufer rückt auch schon näher und macht sie zuversichtlich. Hinter den Bergen geht die Sonne unter, ein grandioser Anblick, für den sie jetzt allerdings keine Zeit hat. Sie konzentriert sich aufs Schwimmen, jeder Zug wird mit ganzer Aufmerksamkeit vollbracht, der Atem geht ruhig und gleichmäßig. Es dürften noch höchstens 150 Meter vor ihr liegen. Ein Windstoß fegt durchs Schilf und zeigt das rote Tuch, es ist jetzt gut zu erkennen und Antonella korrigiert ein klein wenig ihren Kurs. Als sie es gestern an dieser Stelle anbrachte, war es schon fast finster gewesen.

  

Das Schilf kratzt an meinen Schenkeln und die Mücken sind unerträglich. Mist, ich hätte Authan einpacken sollen, aber jetzt ist es zu spät. Auch morgen werden mich die Mücken piesacken, so ein blöder Fehler in meinem perfekten Plan! Morgen werde ich keine Chance haben, etwas Authan mitzunehmen, nackte Menschen haben keine Taschen.

Das Schilf ragt über meinen Kopf hinweg, ich muss mich nicht einmal ducken, während ich mich vorwärts kämpfe und versuche, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen. Von Minute zu Minute wird es dunkler und ich muss mich beeilen. Vorne, kurz vor dem Ufer, erspähe ich eine kleine, schilffreie Stelle. Als ich dort ankomme, entdecke ich die morschen Überreste eines Bootssteges – ein ideales Versteck für meine wasserdichte Plastikbox mit den neuen Klamotten. Ich stelle die Box auf dem Holz ab, es duftet angenehm nach Moos und Moder, wären die Mücken nicht so lästig, würde ich eine kleine Weile bleiben. Während ich eine Schnur aus der Box hole, streift meine  Hand das Leder der neuen Jacke. Es elektrisiert mich fast, so aufregend finde ich den Gedanken, dass ich sie morgen tragen werde wie eine neue Haut. Meine Hände zittern, als ich die Box am Steg befestige.  Fast hätte ich das rote Tuch vergessen, mit dem ich das Versteck kennzeichnen muss. Ich binde es an ein Büschel aus kräftigen Schilfhalmen. Es wird mir den Weg weisen, wenn ich morgen von der anderen Seite komme.

  

Antonellas Füße ertasten Schlick. Sie hat es geschafft, es trennen sie nur noch fünf Meter vom Ufer. Jeder Schritt bringt sie ihrer kleinen roten Brieftasche mit dem neuen Ausweis näher. Kathleen Fuller, ein schöner Name, denkt sie. Als sie aus dem Wasser steigt, liegt Antonella hinter ihr.

Kathleens Körper ist ausgekühlt. Zitternd öffnet sie den Deckel der Plastikbox und lächelt, als ihr die rote Brieftasche entgegen blitzt. Sie greift sich das Badetuch, reibt sich damit trocken und wickelt sich dann darin ein. Dunkel und träge liegt der Fohnsee hinter ihr, die Sonne ist untergegangen und leichte Spätsommernebel schmiegen sich wie Engelshaar um den Hügel am anderen Ufer. Die Schirmchen am Hügelkamm sind verschwunden, nur unten, ganz dicht am Wasser, bei einer hohen Tanne kann Kathleen etwas Gelbes ausmachen, es könnte der letzte übrig gebliebene Schirm des Sommers sein. Menschen kann sie nicht erkennen, das Ufer ist zu weit entfernt.

Um Katharinas Kopf schwirrt ein Mückenschwarm und sie rubbelt sich die Haare trocken. Die Mücken stechen zu, wo sie nur können, und Kathleen beschließt, das Ufer so schnell wie möglich zu verlassen. In der Box findet sie Unterwäsche, ein weißes T-Shirt und eine enge, schwarze Dreiviertelhose, wie sie zur Zeit viele junge Frauen tragen. Wie schön, dass Antonella so gründlich ist, denkt Kathleen und bindet ihre Haare zu einem Knoten. Morgen wird sie sich die Haare schneiden lassen, und dann ist alles perfekt. Heute versteckt sie den Knoten noch unter einer frechen Schirmmütze. Die Klipse ihrer großen runden Ohrringe zwicken etwas, aber es ist ja nur bis morgen. Nach ihrem Friseurtermin wird sie sich Ohrlöcher stechen lassen und vielleicht kann sie sich sogar zu einem Pearcing über der Augenbraue durchringen.

Die graugrün gefärbten Kontaktlinsen sind schwieriger anzulegen als vermutet, aber mit Hilfe eines kleinen Spiegels schafft sie es. Als Kathleen in ihre schwarze Lederjacke schlüpft, ist es schon fast finster geworden. Rasch holt sie ihre Brieftasche aus rotem Lackleder, ihren Stadtrucksack, ihre Sandalen und die Taschenlampe aus der Box. Sie versichert sich, nichts darin vergessen zu haben und schließt den Deckel. Barfuss kämpft sie sich durchs Schilf zum Forstweg, der sie auf die Straße nach Starnberg bringen wird.

Der Fohnsee liegt jetzt weit hinter ihr und sie hört entfernt das Geräusch eines Motorbootes. Es muss die Wasserwacht sein, denn nur diese darf ein Motorboot benützen. Wahrscheinlich suchen sie Antonella, denkt Kathleen und macht sich auf den Weg. Nach einer dreiviertel Stunde erreicht sie die Landstraße. In einer Kurve setzt sie sich auf die Leitplanke und lauscht den Grillen. Es ist finster geworden und am Himmel erscheinen die ersten Sterne. Kathleen ist zuversichtlich, ihr Bargeld müsste eine Weile reichen, danach wird sie schon weiter sehen.

Ein Auto kündigt sich an, in dieser Stille wirkt das Motorengeräusch beinahe störend, obwohl Kathleen darauf gewartet hat. Als sie die Scheinwerfer durch die Bäume blitzen sieht, steht sie auf und hält den Daumen raus. Es ist ihr zwar etwas mulmig zumute – sie trampt zum ersten Mal -,  aber nach all den Anstrengungen ist ihr der Fußmarsch nach Starnberg zu weit.

Das Auto fährt an Kathleen vorbei, aber dann hält es doch. Kathleen kann durch die Heckscheibe einen Mann am Fahrersitz ausmachen und überlegt, ob sie vielleicht besser auf das nächste Auto warten sollte. Dann aber bewegt sich etwas am Rücksitz und sie entdeckt einen Kinderkopf. Das beruhigt, und sie läuft zum Wagen. Noch bevor sie dort ankommt, hört sie den elektrischen Fensterheber surren und sieht, wie sich das Beifahrerfenster langsam senkt. Im Fonds sitzt ein kleiner Junge und kaut an einem Kaugummi. Der Fahrer beugt sich zum Fenster. Die Innenbeleuchtung ist sehr schwach, Kathleen kann sein Gesicht nicht erkennen.

„Wohin?“, fragt der Mann.

 „To Starnberg, please.“

„Ah, English, sit in!“ sagt der Mann mit bayerischem Akzent.

Sie fahren eine Weile ohne etwas zu sagen. Kathleen schaut auf die Straße, sie ist froh, endlich sitzen zu können. Der kleine Junge starrt sie an, sie spürt seinen Blick im Nacken, hat aber keine Lust, ihm etwas Nettes zu sagen. Nach zwei Kilometern biegen sie in eine breite Straße ein und erreichen den Starnberger Ortsrand. Der Verkehr ist jetzt dicht geworden, die letzten Ausflügler sind auf dem Nachhauseweg.

„Where want you go out?“, fragt der Mann und Kathleen schmunzelt über sein unbeholfenes Englisch.

Das Neonlicht der Straßenlaternen beleuchtet das Innere des Wagens. Kathleen wirft einen kurzen Blick auf den Fahrer. Sie kennt diesen Typ! Er hat ein weißes Schlauchboot und kann ziemlich dumme Fragen stellen. Im ersten Moment spürt sie einen Stich, als würde sie zur mündlichen Prüfung aufgerufen, aber dann beruhigt sie sich. Kathleen ist dieser Mann noch nie begegnet. „I want to go to Munich. Is there a trainstation or something else?“ fragt sie.

„I can bring you to the S-Bahn“ antwortet der Mann..

Plötzlich klemmt sich der Junge mit den Ellbogen zwischen die Vordersitze und klopft dem Mann auf die Schulter. „Papa, das ist doch die, die ertrunken ist!“

Kathleen atmet tief durch, prüft, ob auch alle Haare unter der Schirmmütze versteckt sind und dreht sich zum Jungen um. Sie sieht ihm fest und kalt in die Augen. Der Mann wirft einen raschen, prüfenden Blick auf Kathleen und konzentriert sich dann wieder auf den Verkehr. Der Junge lehnt sich an die Schulter seines Vaters und saugt am Daumen. Wortlos sieht er Kathleen an, es ist ein wissender und dennoch unsicherer Blick, wie ihn nur Kinder zustande bringen.

Kathleen wendet sich dem Fahrer zu. „What did he say?“ fragt sie.

„At the Fonsee a woman is dead.”

 

(C) 2008 Romana Brunnauer