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Nordic Walking | Drucken |
Geschrieben von Romana Brunnauer   

Möglicherweise kommt Ihnen mein strukturiertes Leben schrullig vor, aber ich kann nicht anders und es gefällt mir. Oder besser gesagt: Es hat mir gefallen.

   

Am 15. August machte ich mich wie jeden Tag auf den Weg. Vor dem Frühstück, denn Nordic Walking kann ich mit leerem Magen besser genießen. Es fällt mir leichter, mich auf meinen Körper zu konzentrieren, auf das Ein- und Ausatmen im Rhythmus der Schritte, auf die perfekt abgestimmte Gegenläufigkeit von Armen und Beinen, den aufrechten Körper und den geraden Blick nach vorne. Das kennt man ja. Das Besondere ist das, was ich vor Augen habe. Es ist ein Bild, von dem Andere das ganze Jahr über träumen. Zu Beginn meiner Runde habe ich den Monte Corona im Visier, einen uralten, erloschenen Vulkan. Auf dem Rückweg breitet sich hinter dem Rand des Hochplateaus die karge, sanft geschwungene Nordküste Lanzarotes aus.

 

Es war eine gute Entscheidung, Frankfurt hinter sich zu lassen. Es war eine gute Entscheidung, in Arrecife eine Praxis zu eröffnen. Es ist alles gut. Johanna hatte Recht! Ohne Johanna wäre ich niemals hier gelandet. Und nun ist sie weg!

 

An jenem 15. August hatte ich das zunächst nicht bemerkt. Es kommt öfter vor, dass mein Frühstück auf dem Küchentisch steht und sie schon außer Haus ist. Johanna hat ihr eigenes Leben. Aber sie kümmert sich um den Haushalt und den Garten. Sorgfältig, gründlich und verlässlich.

In den ersten Monaten auf der Insel erklärte sie mir, sie würde mit den Pflanzen sprechen und sie hätte Schwierigkeiten mit den lanzarotenischen Gewächsen. Diese würden irgendwie anders reden und sie hätte Mühe, deren Signale zu verstehen. So ein Blödsinn! Aber, so ist meine Johanna.

Ihr obskures Pflanzenproblem hatte sich nach ein paar Monaten gelöst. Heute ist unser Garten eine üppige, blühende Oase inmitten der schwarz-braunen Lavafelder. Johanna behauptet, sie hätte es geschafft, Kontakt mit den heimischen Pflanzen aufzunehmen. Ich selbst glaubt an so etwas nicht. Als  Zahnarzt mit einer wissenschaftlichen Ausbildung zählen für mich nur Fakten und die Beweise dieser Fakten. Logische Beweise, die sich auf gesicherte Daten stützen. Alles andere ist so etwas wie Blumen-Riechen: individuell und nicht nachweisbar. Und dennoch: Seit Johanna nicht mehr hier ist, lässt mich gerade die Beweisbarkeit der Geschehnisse am Faktischen scheitern. Es ist zur Fratze geworden, die mich an der Nase herum führt.

 

An jenem Tag im August kam ich von meiner morgendlichen Runde zurück. Mein Frühstück stand wie immer auf dem Tisch und Johanna war wieder einmal irgendwo. Ihr Terminplan hat mich noch nie interessiert, er ist mir zu konfus und zu sprunghaft, es fehlt die klare Linie.  

In der Mittagspause fand ich mein Essen in der Mikrowelle, ich musste sie nur einschalten.  Ein ganz normaler Tag. Auch am Abend schien alles nach Plan zu laufen. Na ja, fast alles. Wenn Johanna mittags weg ist und mir das Essen in die Mikro stellt, ist sie eigentlich abends zu Hause und wir essen gemeinsam. In der Regel, aber nicht immer, und so dachte ich mir nichts weiter dabei.

Es war Dienstag, mein Mozart-Abend. Seit meiner Studentenzeit teile ich die Abende nach meinen Lieblingskomponisten ein. Praktischerweise habe ich nur sieben - ich wüsste nicht, nach welchem System ich die Woche einteilen sollte, wenn ich nur sechs oder gar acht hätte. Die Zahl Sieben gibt mir eine perfekte Struktur: Montag Bach, Dienstag Mozart, Mittwoch Haydn und so fort. Im ersten Jahr unserer Ehe versuchte Johanna, meinen Wochenplan aufzuweichen. Montags zum Beispiel wollte sie Rachmaninow hören, der erst am Freitag dran ist, und am Freitag Bach oder Mozart; ein völliges Durcheinander! Selbstverständlich konnte ich darauf nicht eingehen, denn dies hätte die innere Logik meiner Wochen zerstört. Das Problem ließ sich ganz leicht lösen: Ich kaufte zwei Kopfhörer.

Es war also mein Mozart-Abend, ich hatte Lust auf etwas Leichtes und legte COSI FAN TUTTE auf.  Diese Oper ist etwas problematisch, denn sie dauert fast zwei Stunden.  Da ich um 22:00 Uhr zu Bett gehe und vorher selbstverständlich meine Zahnhygiene ansteht, höre  ich sie nie bis zum Ende. An diesem Abend allerdings konnte ich mich nicht lösen und war folglich um eine dreiviertel Stunde zu spät im Bett. Das mag vielleicht der Grund gewesen sein, weswegen ich nicht auf die Idee kam, mich zu fragen, wo Johanna eigentlich war. Ich schlief sofort ein.

 

Dieser etwas aus der Bahn geratene Tag wiederholte sich. Johanna hatte auch am Mittwoch das Frühstück, das Mittag- und das Abendessen für mich vorbereitet – sie selbst aber trieb sich irgendwo herum. Da wir nicht zu den Paaren gehören, die sich andauernd mitteilen, was sie zu welcher Stunde machen, lag auch nirgendwo eine Notiz für mich. Erst am Freitag kam mir die Sache komisch vor. Besuchte sie etwa ein Seminar? Es gibt ja immer wieder diese Selbstfindungsseminare auf Lanzarote, und Johanna ließ selten eines aus. Aber das hätte sie mir doch gesagt. Oder hatte sie das und ich hatte nicht aufgepasst? Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich in meine Walking-Schuhe schlüpfte und die Stöcke an den Handgelenken befestigte.

Nordic Walking ist für mich wie Medizin. Nach den ersten hundert Metern war mein Kopf wieder frei. Ich liebe diesen Beginn des Tages, die Blicke über das Meer und die sanften Hügelketten, die das Tal von Maguez einrahmen. Und ich liebe es, jeden Tag die gleiche Strecke zu gehen. Im August sind die wenigen Sträucher und niedrigen Sukkulenten verbrannt, Erd- und Feuerfarben herrschen vor und der schwarze Picon auf den Feldern ist von einem Staubschleier überzogen, der ihm etwas Verschwommenes gibt.

Die Runde führt mich zunächst auf einer Teerstraße Richtung Guinate, dann nach rechts in eine Sandpiste, die am Fuß des Monte Corona entlang bis zu einer Weggabelung führt, an der ich rechts abbiege. Von hier aus kann man bereits unser Haus sehen. Es liegt am Ende einer leicht abfallen, langen Geraden und ist umrahmt von grünen Flecken. Nur unsere Palmen sind schon deutlich erkennbar, sie überragen das ebenerdige Haus und stehen stramm wie eine kleine Armee. Normalerweise ist der Blick auf unser Haus wie ein Sog, der mich zu Höchstleitungen anspornt und nach unten treibt. Vielleicht hatte es mich deshalb nie interessiert, wohin der Weg führt, der links abbiegt.

 

Entgegen meiner Gewohnheit hielt ich an diesem Freitag oben an der Weggabelung inne und ließ meinen Blick über die Ostküste aufs Meer hinaus schweifen. Hinten am Horizont zeichnete sich eine gelbe Linie ab, die Kalima ankündigte. Ich bog nicht rechts ab, sondern links. Nach ein paar Metern blieb ich stehen und versuchte, mich zu orientieren.  Diese Sandpiste führte ein kurzes Stück bergauf, um dann hinter einer Rechtskurve zu verschwinden. Ich hatte keine Ahnung, wie es dann weiter ging. Mein erster Impuls war, diesem Weg zu folgen, nur bis zur Kurve, nur um zu sehen, wie es von dort aus weiter ging.  Doch ich konnte ihm widerstehen. Meine Neugierde hatte mich bis jetzt schon drei Minuten gekostet, und mehr würde meinen Tagesplan durcheinander bringen. Also lief ich zurück, nahm den richtigen Weg wieder auf und überließ mich dem herrlichen Gefühl, die gewohnte Sandpiste hinunter zu sausen.

Nach etwa zwei Drittel des Weges wäre ich beinahe wieder stehen geblieben. Es war ein kurzes Aufblitzen, eine Ahnung und ein flüchtiges Gefühl der Beklommenheit. Ab hier konnte man die Blumen im Garten und auf der Terrasse erkennen, die violette Bougainvillea, die dunkelrote Wolke aus Geranien und das strahlende Weiß der Margeriten. Für einen Augenblick schienen mir die Farben verwaschen und glanzlos, als ob jemand das Licht abgedimmert hätte. Doch es war keine Zeit, dieser Sache nachzugehen. Ich wandte den Blick aufs Meer, die Kalimawolke war näher gerückt, sie hatte sich ausgebreitet und ihr mehliger Staub würde schon bald das Licht in ein milchiges Gelb tauchen. Das sind die weniger schönen Tage auf der Insel.  

 

Als ich von der Dusche in die Küche kam, stand mein Frühstück auf dem Tisch und Johanna war schon wieder weg. Ich hatte sie jetzt vier Tage nicht zu Gesicht bekommen und nun wurde mir die Sache suspekt. Ich ging ins Schlafzimmer, um mich anzukleiden. Die Betten waren gemacht, mein frischer Arztkittel hing am Kleiderbügel – das gewohnte Bild. Ich wechsle täglich den Kittel und freitags war Waschtag. Normalerweise prüfe ich nicht, ob Johanna ihre Pflichten im Haushalt erfüllt, doch an diesem Tag sah ich im Wirtschaftsraum nach. Die Waschmaschine lief und so weit ich sehen konnte, waren es die Praxishandtücher,  die sich in der Trommel drehten. Alles schien wie immer perfekt zu funktionieren – nur Johanna war verschwunden. Nun ja, es gibt ja auch Fünf-Tages-Seminare, versuchte ich mich zu beruhigen. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass ich ganze 15 Minuten zu spät dran war. Das war mir noch nie passiert – weder in Deutschland noch hier auf der Insel!  Ohne mein Frühstück einzunehmen, machte ich mich sofort auf den Weg.

 

Es ist Sonntag und ich habe Johanna seit sechs Tagen nicht mehr gesehen. Sie kocht für mich, das Haus ist geputzt, die Blumen sind gegossen und jeden Tag hängt ein frischer Arztkittel am Bügel. Es ist alles beim Alten, bis auf Johanna. Eigentlich müsste ich zur Polizei gehen und eine Vermisstenanzeige aufgeben, nur: Was soll ich denen sagen? Meine Frau ist da und lässt sich nicht blicken? Die halten mich doch für verrückt! Als logisch denkender Mensch muss ich zugeben, dass sie nicht wirklich verschwunden sein kann. Es ist zum Verzweifeln. Johanna, wo steckst du? rufe ich ins leere Wohnzimmer. Ich renne ins Bad, sehe hinter dem Duschvorhang nach, öffne alle Schränke und krieche unters Bett. Johanna! Johanna! Ich brülle mir die Seele aus dem Leib, doch es kommt keine Antwort. Vielleicht weiß Marisol, wo sie ist?

Ich nehme den Telefonhörer ab und wähle die Nummer ihrer besten Freundin.

„Si, diga me“, meldet sich Marisol.

„Hier ist Peter, ähh…“ Ich beginne zu stottern und ärgere mich, nicht sofort wieder aufgelegt zu haben.

„Hallo Peter, so ein Zufall, ich wollte auch gerade bei euch anrufen“, antwortet Marisol in nahezu akzentfreiem Deutsch. Sie ist Festlandspanierin und hat in München Lebensmitteltechnik studiert. „Es geht um Leos Geburtstag. Kann ich Johanna kurz sprechen?“

Mir schießt das Blut in den Kopf und mein Herz beginnt zu rasen. „Sie ist schon weg“, presse ich heraus.

„Vielleicht kannst du mir auch helfen. Weißt du, was Johanna zum Essen mitbringen will?“

Meine Gedanken machen Purzelbäume und ich zwinge mich, sie in eine Reihe zu bringen. Leos Geburtstagsparty … Ja, ich erinnere mich. Kurz vor Johannas Verschwinden wurden wir eingeladen. Um Himmels willen! Das geht doch nicht! Ich gerate in Panik. Aus allen Poren tritt Schweiß und mir rutscht beinahe der Hörer aus der Hand.

„Hallo? Bist du noch dran?“ fragt Marisol.

„Ja, ähh … nein …“ stottere ich.

„Geht’s dir nicht gut?“

„Nein, nein, alles in Ordnung … Es ist nur …“

Peng, der Hörer knallt auf den Boden, er ist mir nun doch aus der Hand gerutscht. Marisols Telefonstimme piepst aus der Ohrmuschel, ich kann nicht verstehen, was sie sagt, es klingt aufgeregt. Mein Zeigefinger legt sich auf die Telefongabel und nun ist es endlich wieder still. Ich hole ein Handtuch aus dem Bad, trockne Gesicht und Hände ab. Der Telefonhörer liegt noch am Boden. Nach einer Weile schaltet unser Telefon automatisch auf den Anrufbeantworter um und ich höre eine Männerstimme, die aus der Ohrmuschel dringt. Ich ahne, dass es Leo ist, hebe nach einigem Zögern den Hörer vom Boden auf und erwische gerade noch das Ende seiner Nachricht. „Ruf mich dann zurück“, sagt er und legt auf. Es gibt keine weiteren Nachrichten mehr.

Ich starre auf den Hörer, der langsam vor meinen Augen verschwimmt. Erstaunt stelle ich fest, dass ich weine.  Wie schon so oft in den letzten Tagen rettet mich meine Nordic Walking Runde.

 

Als ich mittags meinen Gemüseauflauf in der Mikrowelle wärme, fällt mir die Telefongeschichte von heute früh wieder ein. Auf dem Anrufbeantworter sind jetzt fünf neue Nachrichten. Nun erfahre ich, dass mich Leo schon vor einer Woche gebeten hatte, ihm unseren Hochdruckreiniger zu leihen. Die weiteren vier Anrufe wurden heute Vormittag aufgenommen, alle von Marisol. In den ersten drei Anrufen ist sie aufgeregt und besorgt, sie will wissen, was los ist und bittet um Rückruf. Der vierte Anruf gilt Johanna. Marisols Stimme klingt jetzt ganz normal. „Hallo Johanna, nur ganz kurz. Angelika macht einen Obstsalat. Wäre schön, wenn du dann doch das Tiramisu machst. Ich komme heute nicht zum Joga, weil ich die Tischdekoration besorgen will. Morgen sehen wir uns ja im Meditationskreis. Ach ja, die Idee mit dem Hochdruckreiniger ist perfekt! Tschüß, wir sehen uns morgen!“

Was war das? Haben Johanna und Marisol miteinander gesprochen? Es muss wohl so gewesen sein. Himmel, es ist zum verzweifeln. Johannas Spuren sind überall zu finden – nur sie selbst ist nicht da!

 

Es ist Freitag, mein Rachmaninow-Abend. Seit Jahren finde ich heute zum ersten Mal keine Ruhe zum Musikhören und wandere stattdessen im leeren Haus herum. Johanna ist seit elf Tagen verschwunden und ich wundere mich, wie sauber das Haus ist. Bis gestern hatten wir noch Kalima. Normalerweise dauert es ein paar Tage, bis kein Saharastaub mehr in der Luft liegt und sich nichts mehr auf den Möbeln absetzt. Prüfend fahre ich mit dem Zeigefinger über die Kommode im Wohnzimmer - er hinterlässt keine Spur.

Ich schiebe die Terrassentür vollständig auf und setze mich in den Ohrensessel. Draußen geht die Sonne unter und hinter der Gartenmauer sammelt sich eine Gruppe Pardellas. Ich kann sie nicht sehen, sondern nur hören. Diese großen, möwenartigen Vögel plappern wie eine ausgelassene Mädchenklasse.  Ein paar von pinkfarbenen Schlieren durchzogene Wolken ziehen über den Kraterrand und der Himmel wechselt von Blau zu Lila, in einer halben Stunde wird es finster sein. Johanna liebt dieses Schauspiel, für mich ist es neu. Wie oft wollte sie mich von der Musik weg zur Terrassentür bewegen! Heute kann ich es verstehen. Es liegt eine spannende Gelassenheit in dieser Szene, eine Ruhe trotz dem Lärm, den die Vögel veranstalten. Eine skurrile Welt. Unwirklich.

 

Es ist jetzt finster. Kaum zu glauben, aber die Pardellas plappern immer noch, ich würde sie gerne verstehen. Am Himmel zeigen sich vereinzelt die ersten Sterne, der Abendstern müsste zu sehen sein, aber nicht vom Ohrensessel aus. Während ich überlege, ob ich aufstehen soll, tauchen plötzlich Erinnerungen der vergangenen Woche auf. Es ist aus mit der Ruhe! Ein Ring legt sich um meinen Brustkorb und zieht sich zusammen. Marisols besorgte Frage bahnt sich einen Weg durch meine diffusen Gedanken, bis ich sie fast real hören kann: Hallo Peter, bist du noch dran? Geht’s dir nicht gut?

Ich muss die Beiden anrufen und die Sache aufklären. Ich muss etwas tun. Während ich die ersten drei Ziffern wähle, überlege ich, was ich sagen soll. Nach der vierten Ziffer lege ich wieder auf. Es hat keinen Sinn. Was sollte ich berichten? Dass mich Johanna verlassen hat? Hat sie mich überhaupt verlassen? Es ist zum Kotzen! Was soll ich nur tun? Plötzlich keimt ein Verdacht in mir auf. Was wäre, wenn alle unter einer Decke steckten? Wenn mich alle zum Wahnsinn treiben wollten? Ach was, das ist doch zu verrückt! Ich versuche, mich zu beruhigen, erreiche aber das Gegenteil.

Das eigenartige Gespräch mit Manuel fällt mir wieder ein. Vorgestern saß er bei mir auf dem Behandlungsstuhl und meinte, Johanna würde in letzter Zeit so rosig wirken. „Da ist doch was unterwegs, oder? Meine Frau hat in den ersten Wochen auch so gestrahlt. Das sind die Hormone!“ Manuel zwinkerte verschwörerisch. 

Ich war so perplex, dass ich nichts darauf zu sagen wusste. Wahrscheinlich habe ich ihn nur dämlich angesehen. Manuel lachte. „Ja, so ist das, alter Junge. Beim Ersten stehen wir ziemlich daneben. Beim Zweiten legt sich das.“

Etwas zu schnell und etwas zu unwirsch schob ich ihm den Speichelsauger in den Mund und hakte ihn am Unterkiefer ein. Seine Augen weiteten sich erschrocken, doch dann lächelte er. „Oh Mann, du bist ganz schön nervös“, nuschelte er am Plastikschlauch vorbei.

Rasch versteckte ich mein Gesicht hinter dem Mundschutz. Welche Ironie des Schicksals, dachte ich. So sehr uns Johannas Unfurchtbarkeit in den ersten Ehejahren belastete, so glücklich war ich in diesem Moment darüber. Diese Tatsache ist unumstößlich, und niemand kann mir die Gewissheit darüber nehmen! Hier und jetzt in meinem Ohrensessel sehe ich die Sache etwas anders. Johanna sieht so rosig aus in letzter Zeit! Was wollte Manuel damit sagen?

Ähnliches erlebte ich gestern mit Susanne, Johannas Spanischlehrerin. Während ich ihr die Serviette umlegte, sagte sie: „Ich bewundere Johanna. Den ganzen Tag auf Achse! So eine Energie hätte ich gerne.“

Mich durchzuckte es, als hätte sie mir einen Stromschlag verpasst. Rasch zog ich mir den Mundschutz über. Susanne redete munter weiter, wie viele Patienten überwindet sie ihre Angst durch belangloses Plaudern. „Ich wäre ja schon froh, wenn ich mein Pilates regelmäßig schaffen würde. Aber Johanna? Sie macht ja alles mit. Unermüdlich. Hast du eigentlich bemerkt, wie gut ihr das Spinning tut? Sie sieht richtig klasse aus, seit sie das macht.“

Ich war gerade dabei, den Speichelsauger herzurichten und hielt inne. Ich muss  Susanne sehr verblüfft angesehen haben, denn sie erklärte: „Na ja, ihr seht euch ja jeden Tag. Da fallen die kleinen Veränderungen nicht so auf. Aber glaube mir, das Spinning tut ihr gut. Würde dir auch nicht schaden. Du bist wirkst ein bisschen müde.“

Ja, da war er schon wieder gewesen, dieser Hinweis, wie gut es Johanna ginge! Haben sich Manuel und Susanne abgesprochen? Ist tatsächlich eine Verschwörung im Gange? Ich gehe in Gedanken alle Situationen mit Patienten ab, die wir auch privat kennen, finde aber keine weiteren Anhaltspunkte. Dennoch beschließe ich, in Zukunft wachsamer zu sein.

Wie zur Bestätigung hören die Pardellas draußen auf zu plappern und wechseln ihren Standort. Kurz darauf ist nur noch das Rauschen der Palmenblätter zu hören, die vom Wind bewegt werden. Es klingt wie sanfte Wellen, die am Sandstrand auslaufen. „Siehst du, wir müssen nicht unten am Meer wohnen“, hat Johanna einmal gemeint. „Die Palmen klingen genauso.“

Ich stehe auf und suche sie. In den letzten Tagen ist es mir zur Gewohnheit geworden, mehrmals am Tag alle Schranktüren zu öffnen, unter dem Bett und unter dem Sofa nachzusehen und in die Garage zu laufen. Dort habe ich auch jetzt wieder die Gewissheit, dass sie nicht im Haus ist. Der Stellplatz für ihr Auto ist leer. Ein Blick auf meinen Wagen zeigt mir, dass wir tatsächlich heftigen Kalima hatten. Der rote Metallic Lack ist von einer ockerfarbenen Staubschicht überzogen. Morgen werde ich durch die Waschanlage fahren, beschließe ich. Da fällt mir eine Szene mit Leo ein, den ich kürzlich beim Autowaschen getroffen habe. „Ist es sicher, dass ihr auf mein Geburtstagsfest kommt? Nicht dass ihr wieder so kurzfristig absagt wie letztes Jahr!“ Johanna war erst seit zwei Tagen weg gewesen und ich dachte noch, sie wäre auf einem Seminar. „Nö. nö, alles klar“, antwortete ich mit bestem Gewissen. „Für einen Kurzurlaub hätte ich dieses Jahr keine Zeit!“

Auf dem Weg zurück ins Haus wird mir klar, dass ich absagen muss und eine gute Ausrede brauche.

In der Diele fällt mein Blick auf unser Hochzeitsfoto, das gold gerahmt auf einem Beistelltisch steht. Peter und Johanna lachen mir fröhlich entgegen. Das macht mich wütend, ich stecke das Bild in eine Schublade und plötzlich habe ich sie, die Ausrede: meine Schwester Lena! Sie hat sich vor einem Monat scheiden lassen. Ich werde anrufen und einfach sagen, ihr ginge es schlecht und ich müsse sie besuchen. Ja, das kling plausibel!

Gott sei Dank habe ich sofort Leo am Apparat. „Ja?“, meldet er sich.

„Hallo Leo, ich bin`s, Peter. Ich wollte dir nur sagen … dein Geburtstag … „

„Ich bin im Bilde“, unterbricht mich Leo. „Johanna hat es mir gesteckt.“

Ich halte den Atem an, versuche, mich irgendwie zu sammeln und bringe es nur zu einem „Mhh“.

Leo lacht. „Ach komm, wir sind doch keine Kinder! Wer braucht denn schon zwei Hochdruckreiniger! Morgen hätte ich mir einen gekauft. Johanna musste doch mit der Sprache rausrücken. Ich freue mich auch so, dass ihr alle zusammen schmeißt und mir endlich mal was Praktisches schenkt!“

Leo lacht und ich bin erleichtert.  „Ja dann …“ sage ich und gleichzeitig dämmert es mir. Johanna hat Kontakt mit allen anderen, nur ich stehe außen vor. Welches Spiel spielt sie mit mir? Welches Spiel spielen ALLE mit mir?

„Hallo, Peter, bist du noch da?“ fragt Leo.

„Ja, ja.“ antworte ich.

„Stimmt was nicht?“

„Nein, es ist nur …“ Ich weiß nicht mehr weiter, in meinem Kopf wirbelt wieder alles durcheinander, aber ich muss mich jetzt konzentrieren. Ich kann ja nicht zugeben, dass ich Johanna seit elf Tagen nicht mehr gesehen habe. Alle reden mit ihr, nur ich nicht. Himmel, das ist doch total verrückt! Was soll ich tun?

Leo sagt: „Komm, was ist los. Euer Telefon geht ja jetzt wieder. Marisol hat mir erzählt, dass du so komisch warst. Sie meint, dass es nicht nur das Telefon war.“

Jetzt habe ich mich wieder im Griff. Wenn alle ein Spiel mit mir spielen, dann werde ich das eben auch tun. „Nein, nein, es ist alles okay. Nur das mit der Party ist mir sehr unangenehm“ sage ich und mache eine Kunstpause. „Johanna wird bestimmt kommen, aber …“

„Sag bloß, dass du wieder keine Zeit hast!“

„Leo, tut mir leid, aber es ist so. Ich muss nach Frankfurt. Lena geht es nicht gut.“ sage ich.

„Aber sie ist doch im Urlaub, ich glaube in der Türkei!“ kommt es prompt.

Das wirft mich um. Soll das ein Scherz sein? „Woher willst du das wissen?“ frage ich.

„Von Johanna natürlich.“ Leos Stimme klingt reserviert.

Eine heiße Wut steigt in mir auf. Meine Schwester ist in der Türkei, sie ruft nicht mich an, sondern Johanna - und das Ganze muss ich von Leo erfahren!

Nun ist mir alles egal. Jetzt werde ich es ihnen zeigen. Ich bin nicht nur der Doofmann! Meine Wut beherrschend sage ich kühl: „Ja, das denken alle, auch Johanna. In Wahrheit ist Lena im Krankenhaus. Sie hat Krebs.“

Stille am anderen Ende der Leitung. Ein Räuspern und dann wieder Stille. Ja, ich habe es geschafft! Endlich ist auch mal die andere Seite schockiert. Das tut gut! Ich koste dieses Gefühl aus und warte.

Es dauert, bis Leo fragt:  „Welchen?“ Er klingt besorgt und mitfühlend.

Einen winzigen Augenblick kommt so etwas wie ein schlechtes Gewissen in mir auf. Es kostet Kraft, mich dem nicht hin zu geben. „Brustkrebs“, sage ich und bringe einen weinerlichen Tonfall zustande.

„Das tut mir leid.“ Leos Stimme ist belegt. „In diesem Fall ist das natürlich etwas Anderes. Da musst du nach Frankfurt.“

Jetzt werden mir die Konsequenzen klar. So eine Ausrede muss durch Taten belegt werden. Ich kann nicht hier auf der Insel bleiben und offiziell in Frankfurt sein. Vor allem darf Johanna nichts davon erfahren!  „Sag bitte Johanna nichts“, sage ich. „Ich will mir erst ein Bild machen. Johanna glaubt, dass ich auf einen Kongress nach Frankfurt fahre.“

 „Kann ich verstehen“, sagt Leo.

„Du bist nicht böse?“

„Selbstverständlich nicht!“

Wir verabschieden uns und ich lege den Hörer auf.

 

Ich sitze wieder im Ohrensessel und lausche der Stille draußen. Die Palmenblätter erzeugen ein Meerrauschen und ich fühle mich zum ersten Mal seit elf Tagen wieder wohl. Ach, was bin ich doch gut geworden im Lügen! Einfach perfekt! Ja, das Zepter liegt wieder in meiner Hand. Ich werde sogar einen Schritt weiter gehen und nicht nach Frankfurt fliegen, sondern mir eine Woche auf Furteventura gönnen.

 

Gestern – zwei Wochen nach dem Telefonat mit Leo – bin ich auf Fuerteventura gelandet. Mein Appartement im Nordwesten der Insel liegt auf einer Anhöhe, die mir abends ein wundervolles Schauspiel bietet. Wie auf Lanzarote färben sich auch hier bei Sonnenuntergang die Wolken rosa bis pink. Der Unterschied: Es ist kein Berg vor meiner Nase und ich kann die Sonne tatsächlich im Meer versinken sehen. Es ist postkartenmäßig kitschig. Heute ist der zweite Tag auf der Insel und ich werde erst in fünf Tagen zurückfliegen. Eigentlich hätte ich die Fähre nehmen und mir das Mietauto sparen können, aber offiziell bin ich Frankfurt. Johanna soll das glauben. Ja, jetzt zahle ich ihr alles heim! Jetzt wird sie in unserem Haus nach mir suchen. Sie wird mein Frühstück vorbereiten, mein Mittagessen und auch das Abendessen. Es wird alles auf der Anrichte stehen und vergammeln. Es gibt niemand mehr in unserem Haus, der ihr Essen verzehrt. Es gibt niemand mehr, der verschmutzte Ärztekittel in den Wäschekorb legt und den neuen Kittel vom Kleiderbügel nimmt. Es gibt niemand mehr, der mit Zahnpasta kleckert und Urinspritzer auf der Klobrille hinterlässt. Ja, jetzt kann sie selbst sehen, wie das ist, wenn jemand verschwindet.

Eigentlich wäre heute mein Bach-Abend, aber ich habe meinen tragbaren CD-Player vergessen. Im Appartement gibt es nur ein Radio und einen Fernseher. Morgen werde ich mir einen CD-Player kaufen.

 

Dienstag: Das Nordic-Walkin gestaltet sich hier schwierig. Egal welchen Weg ich nehme, ich stoße immer wieder auf das Cliff und muss umdrehen. Bis jetzt habe ich noch keinen Rundweg gefunden.

 

Mittwoch: Ich habe immer noch keinen CD-Player. Außer teuren Geräten für eine HiFi-Anlage gibt es nur billigen Schrott. Wenn ich Musik höre, müssen die Töne klar kommen. Ansonsten verzichte ich lieber darauf.

 

Donnerstag: Es war ausgemacht, dass ich für die Endreinigung des Appartements eine Tagesmiete bezahle. Das bedeutet, dass ich während meines Aufenthaltes selbst für mein Bedürfnis nach Sauberkeit sorgen muss. Doch kaum komme ich von einer Wanderung oder einem Strandausflug zurück, ist das Appartement frisch geputzt. Das Geschirr ist gespült und weg geräumt und es gibt frische Handtücher. Heute wollte ich von den Vermietern wissen, ob dieser Service im Preis inbegriffen ist. Nein, es bleibt bei der Vereinbarung, dass nur die Endreinigung anfällt, war die Auskunft. Ich musste mich ganz schön winden, bis ich eine neutrale Frage gefunden hatte. „Gibt es jemand, der mein Geschirr spült?“ fragte ich, in der Hoffnung mich unklar genug ausgedrückt zu haben. „Das würde extra kosten“, war die Antwort.

„Was macht das bis jetzt?“

„Warum? Sie haben den Service  nicht gebucht. Wenn Sie jemand zum Geschirrspülen brauchen, würde das …“

„Nein, nein, ich brauche niemand! Ich spüle mein Geschirr selbst.“

 

Das war vor einer Stunde. Jetzt frage ich mich, wer hier Geschirr spült. Ja, ich frage mich, wer hier wohnt. Johanna? Oder ich? Wer ist Johanna? Wer bin ich?

 

Ich sehe der Sonne zu, wie sie sich, umgeben von dunkelrosa Wolken, ins Meer begibt. Johanna, kannst du mich hören, rufe ich lautlos in den Horizont.

„Johanna, ich liebe dich“, schreie ich nun aus voller Kehle.

Ein Hund antwortet, ein zweiter mischt sich ein, ein dritter bellt mit … und das geht so lange, bis das Tal erfüllt ist von Hundegebell. Es ist das gleiche Spiel wie auf Lanzarote. Das gesamte Spektrum unterschiedlicher Stimmlagen baut sich auf zu einem kaum auszuhaltenden Crescendo, um dann wieder langsam ab zu ebben. Am Ende bleibt ein Hund übrig. Er will diesen Rausch des Miteinander weiter auskosten, doch keiner macht mehr mit. Die Party ist vorbei. Der verlassene Hund macht noch ein paar Versuche, er kläfft zaghaft und gibt irgendwann mit einem Winseln auf.

 

Es ist finster geworden und mein Blick geht hinauf in den klaren Nachthimmel. Ja, ich kann die Sternschnuppe sehen. Ja, das ist ein Glücksbote, sage ich mir. Aber eigentlich … ja, eigentlich ist mir das alles egal. Es ist mir schnuppe, denke ich und lächle über meinen sarkastischen Wortwitz. Ich will dich, Johanna! Wo bist du?

 

Auf dem runden Plastiktisch sammelt sich Nachtfeuchte. Der Plastikstuhl mir gegenüber scheint zu grinsen, die Stäbe seiner Rückenlehne wirken wie ein unfreundliches Gebiss. Auf dem Tisch steht eine leere Flasche Rotwein und ein leeres Glas. Ich habe sie tatsächlich alleine ausgetrunken, fühle mich aber so klar wie der Nachthimmel über mir. Dabei vertrage ich doch keinen Alkohol! Was ist nur los mit mir? „Johanna, bis du da?“ rufe ich. Und wieder sind es nur die Hunde, die mir antworten.

Während ich die Zähne putze, betrachte ich mein Gesicht im Spiegel. Es ist der gewohnte Anblick und doch erkenne ich eine Veränderung. Ich lege die Zahnbürste weg und fixiere mein Spiegelbild. Die Linien von den Mundwinkeln zum Kinn sind nicht mehr angedeutet. Sie sind jetzt klar gezeichnet. Es sind Furchen! Johanna, kannst du das auch sehen? Ich gehe sofort ins Bett.

 

Die Kaffeemaschine blubbert. Für mich wird sie das zum letzten Mal tun. Sie macht einen scheußlichen Kaffee, aber ich nehme ihr das nicht übel. Heute Abend werde ich wieder zu Hause sein. Während ich meinen Koffer packe, geht mir die letzte Woche durch den Kopf. Es war kein Gewinn. Es war eine Katastrophe! Nach dem Gespräch mit den Vermietern verhärtete sich mein Verdacht, Johanna wäre mir hierher gefolgt. Ein paar Indizien sprechen dafür. Auch wenn sich diese jeglicher Beweisführung entziehen, wollte ich es in den letzten Tagen darauf ankommen lassen und habe bewusst geschlampt. Wenn ich vom Strand kam, habe ich die nassen Badesachen einfach auf die Terrasse geschmissen. Am nächsten Morgen hing alles fein säuberlich am Wäscheständer. Nach dem Frühstück habe ich das Geschirr und die Essensreste auf dem Tisch stehen lassen. Keine Chance. Sobald ich zurück war, blitzte die Küche als hätte ich das Appartement frisch bezogen. Eigentlich alles so wie zu Hause. Es gab nur einen Unterschied. Es wurde nicht für mich gekocht. Ich sage jetzt „es“, weil ich nicht mehr sicher bin, wer hier etwas gemacht hat. Ich bin nicht mehr sicher, wer die Dinge in Bewegung bringt.  Nach einer Woche Fuerteventura muss ich gestehen, dass ich das Zepter nicht  mehr in der Hand habe.

 

Johanna ist jetzt seit zwei Monaten verschwunden. Anscheinend aber nur für mich. Egal mit wem ich spreche, sie scheint immer noch meine zweite Hälfte zu sein, wie man so schön sagt. Keiner hat bis jetzt bemerkt, dass Johanna seit langem nicht mehr bei mir ist. Ich habe es aufgeben, meine Verschwörungstheorie weiter zu verfolgen. Alles lief in die Leere. Offensichtlich existiert Johanna für alle anderen – nur für mich nicht! Es ist grausam.

Furteventura hat nichts an meiner Situation geändert, außer eines: Ich rühre Johannas Essen nicht mehr an. Morgens, auf dem Weg zur Praxis, halte ich an der Bäckerei in Tahiche und nehme mir ein Brötchen oder etwas Süßes zum Frühstücken mit. Mittags gönne ich mir eine Tappa in einer der Bars an der Strandpromenade in Arecife und abends esse ich in Restaurants. Sicher, es ist ein  pupertärer Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu erheischen, ich habe aber keine andere Möglichkeit. Stundenlang durch das Haus zu laufen und nach Johanna zu rufen ist noch lächerlicher.

Vor allem abends ist das auswärtige Essen anstrengend, denn andauernd laufe ich  bekannten Gesichtern über den Weg – das ist der Nachteil einer so kleinen Insel wie Lanzarote, vor allem, wenn man im weniger besiedelten Norden wohnt. Im Unterschied zu Johanna schaffe ich es nicht, mich unsichtbar zu machen, und so werde ich immer wieder gefragt, wo sie denn heute Abend sei. Die Samstage und Sonntage verbringe ich deshalb im Süden. Dort kennt mich kaum jemand, ich kann ungestört am Strand liegen und anschließend speisen, ohne etwas erklären zu müssen. Aber auch im Süden bin ich nicht sicher. Neulich saß ich in einem Restaurant am alten Hafen von Puerto del Carmen. Klara, eine von den vielen Bekannten Johannas kam auf mich zu geschwebt. Ich muss wirklich „schweben“ sagen, denn es handelt sich um eine mehr als  siebzigjährige Frau, die trotz ihrer Leibesfülle einen luftigen Eindruck macht. Alles an ihr flattert (hauptsächlich ihre Kleidung), sie ist nicht greifbar und doch real. Vor allem ist sie direkt und – entgegen ihrer äußeren Erscheinung – kommt sie rasch auf den Punkt. „Wieder mal solo unterwegs?“ begrüßte sie mich und drückte mir zwei spanische Küsse ins Gesicht.

Mittlerweile habe ich Übung und so konnte ich sie unverbindlich-freundlich anlächeln. Ich schaffte es sogar, Johanna direkt anzusprechen, sozusagen als Angriff nach vorne. „Ja, Johanna ist sehr häuslich geworden, und so gehe ich eben alleine aus.“

Das war ein Schuss nach hinten. „Darf ich?“ fragte Klara und setze sich mir direkt gegenüber. Ich hasse diese Sitz-Konstellation – sie gibt mir keine Möglichkeit, den Blick schweifen zu lassen, ohne unhöflich zu wirken.

„Geh es Johanna nicht gut? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen“, sagte Klara.

Endlich! Ich hatte so etwas wie eine Verbündete! Das durfte ich mir natürlich nicht anmerken lassen. „Nein, ihr geht’s gut, sie hat nur ein volles Programm und ist abends müde. Heute ist sie beim Spinning.“  

Klara warf die Arme in die Höhe. „Spinning!“ rief sie aus, als gelte es, den Teufel zu vertreiben. „Sie macht diesen Wahnsinn immer noch? Ich glaube es nicht!“

Schon wieder daneben! Ich hätte nie im Leben gedacht, dass Klara auch nur wüsste, wie man das Wort Spinning buchstabiert. Ich versuchte, mich in Plattitüden zu retten. „Ist doch gesund – oder?“

Klara legte die Hände auf den Tisch, ihre Finger zuckten, als spiele sie eine Partitur. Plötzlich wurde sie ruhig und lächelte. „Ach ja, so ist das oft mit Eheleuten“, sagte sie. „Johanna hat dir nicht erzählt, was da passiert ist?“

Ich konnte aufatmen. „Nein, ich habe keine Ahnung!“

„Sie wollte dich wahrscheinlich nicht beunruhigen. Es war ja auch nur eine kurze Ohnmacht. Wer ein schwaches Herz hat, sollte diesen Sport nicht ausüben!“

„Johanna soll ein schwaches Herz haben? Davon weiß ich nichts“, antwortete ich. Es war das erste Mal seit Wochen, dass ich ehrlich sein durfte. 

 

Ich sitze in meinem Ohrensessel, die Terrassentür ist weit geöffnet und die Pardellas haben sich bereits verzogen. Seit diesem eigenartigen Erlebnis mit Klara geht mir Johannas angebliche Herzschwäche nicht mehr aus dem Sinn. Johanna ist eine robuste, gesunde Frau, ich hatte noch nie die Möglichkeit erwogen, ihr könne etwas Ernsthaftes fehlen. Ein schwaches Herz? Ich kann es nicht glauben und suche die Vergangenheit nach Indizien ab. Da war doch dieser kleine Zwischenfall vor etwa einem halben Jahr. Wir hatten Freunde zum Abendessen eingeladen, es war ein lustiger, weinseliger Abend. Johanna wurde plötzlich kreideweiß und fiel vom Stuhl. Damals hatte ich das Gefühl, sie hätte für ein paar Sekunden das Bewusstsein verloren, doch Johanna stritt das ab. „Nein, nein, es ist nichts“, sagte sie. „Ich habe vielleicht ein bisschen zu viel getrunken!“ Da sie nach ein paar Minuten wieder ihre gesunde Farbe im Gesicht hatte, dachte ich mir nichts weiter dabei. Außerdem sorgte dieser kleine Fauxpas für Heiterkeit, wir witzelten herum und Johanna lachte am lautesten. War die Sache doch nicht so harmlos gewesen? Und wie war das mit diesen Blauen flecken? Es war kurz vor Johannas Verschwinden, als ich sie abends an ihren Hüften entdeckte. Johanna erzählte, sie wäre beim Schneiden der Bougainvillea von der Leiter gefallen. Heute frage ich mich, wie man einfach so von der Leiter fallen kann. Ich frage mich auch, wie viele kleine Ohnmachten sie wohl hatte, von denen ich nichts mitbekam. Vor allem aber frage ich mich, warum mir all das nicht aufgefallen war. Was war mir überhaupt an Johanna aufgefallen? Habe ich sie jemals wirklich wahrgenommen?

 

Es ist Dienstag, ich komme gerade vom Essen und mache es mir in meinem Ohrensessel bequem. Eigentlich wäre heute Mozart dran, doch seit dem Treffen mit Klara habe ich nicht mehr jeden Abend Lust auf Musik. Früher gab es so etwas wie Lust oder Unlust für mich nicht. Ich lebte meinen Plan und verschwendete keine Gedanken an unnötige Reflexionen. Das hat sich geändert. Neuerdings fröne ich immer öfter meiner Lust oder Unlust auf gewohnte Abläufe. Ob das mein Leben leichter macht, weiß ich nicht. Ich habe nur entdeckt, dass es so etwas wie eine spannende Erwartung in sich trägt, wenn ich aus der Reihe tanze. Besonders abends, wenn ich zum Beispiel am Montag Rachmaninow statt Bach höre, ist es aufregend, zuzusehen, wie sich der Abend entwickelt. Heute will ich gar nichts hören und warte auf das lustige Plappern der Pardellas. Sie sind für mich so etwas wie ein kommunikativer Ersatz geworden.

Abgesehen von den kurzen Gesprächen mit meinen meist nervösen oder ängstlichen Patienten unterhalte ich mich mit niemandem mehr. Auch das Telefon rühre ich nicht mehr an – es rufen ja doch nur Johannas Freunde an. Den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter kann ich entnehmen, dass Johanna ein reges Gemeinschaftsleben führt und offensichtlich viel telefoniert. (Letzteres zeigt mir auch die Telefonrechnung.)

Endlich sind die Pardellas da. Sie haben sich wie üblich hinter unserem Haus versammelt und erzählen sich die Ereignisse des Tages. Von meinem Ohrensessel aus mische ich mich einfach ein und berichte von meinem Tag. „Ihr müsst wissen, dass ich jeden Morgen eine Nordic Walking Runde mache“,  beginne ich meinen Bericht. Ungefähr in der Mitte meiner Strecke gibt es eine Wegabzweigung. Ich nehme immer den Weg nach rechts, der hinunter zu unserem Haus führt. Nur einmal bin ich links abgebogen und ein paar Meter in die falsche Richtung gelaufen – aber nicht weit genug, um zu sehen, wohin der Weg führt. Heute bin ich an dieser Stelle stehen geblieben und habe überlegt, ob ich vielleicht doch prüfen soll, wohin mich der linke Weg bringt. Was haltet ihr davon?“

Die Pardellas stellen urplötzlich ihr Geplapper ein, als hätte ich sie geschockt. „Was ist, warum sagt ihr nichts mehr?“ rufe ich in die Nacht hinaus.

Ich kann hören, wie sie sich mit ihren weiten Flügeln und massigen Körpern in die Luft erheben. Es ist ein Geräusch als würde im Theater der Vorhang fallen. Was fehlt ist der Applaus. 

 

Der Wecker klingelt. Es ist sechs, ich habe ihn um eine Stunde früher gestellt. Heute will ich links abbiegen! Bevor ich gehe, mache ich noch meine obligatorische Runde durchs Haus, öffne alle Schränke und sehe auch in der Garage nach. Natürlich ist Johanna nirgends zu finden.

Um halb sieben verlasse ich das Haus. Es ist noch finster, doch im Osten kündet ein heller Schein den nahenden Sonnenaufgang an. Die Luft ist herrlich frisch und ich genieße jeden Schritt. Links, rechts, links, rechts, einatmen, ausatmen, einatmen. Als ich oben am Fuß des Monte Corona ankomme, habe ich den Blick aufs das Meer. Die Wolkenbänder am Horizont färben sich rosarot und schon blitzt ein helles Strahlen auf. Überwältigt von diesem Schauspiel bleibe ich stehen und beobachte, wie sich die Sonne gemächlich aus dem Meer schiebt. Ich weiß nicht, wie lange ich hier schon stehe, nach vorne gebeugt, auf meine Stöcke gestützt und wie gebannt ins Meer schauend. Langsam erhellt sich das ganze Tal und der Himmel strahlt in hellem Blau. Jetzt kann ich meinen Weg fortsetzen. Bis zur Wegabzweigung sind es nur noch ein paar hundert Meter und ich fliege mehr als ich gehe. Dort angekommen biege ich ohne zu zögern nach links ab. Den ersten Teil der Strecke kenne ich. Es dauert nicht lange und ich erreiche die Gerade, vor der ich gestern kehrt gemacht hatte. Sie führt steil nach unten zu einer Linkskurve, hinter der das unbekannte Land beginnt. Jetzt zögere ich einen kleinen Augenblick, aber dann marschiere ich mit forschen Schritten und hartem Stockeinsatz drauf los. Es ist steiler als es aussieht. Steine liegen am Weg und Regenwasser hat tiefe Furchen ausgespült. Ich muss sie im Zickzack umgehen, meine Schritte und der Stockeinsatz kommen durcheinander, ich stolpere und kann mich gerade noch fangen. Es hat keinen Sinn, ich finde auf dieser Strecke keinen Rhythmus und klemme die Stöcke einfach unter die Arme. Ich sollte umdrehen, denke ich, doch irgendetwas zieht mich hinunter, ich habe die Kontrolle über meine Füße verloren. Sie laufen von selbst. Immer schneller, immer schneller. Jetzt renne ich, weiche den großen Steinen aus und springe über die Furchen. Ein paar Meter vor der Kurve wird der Weg wieder flach. Meine Füße bremsen ab und ich bleibe stehen. Es ist sehr still, ein Windhauch trägt Mövengeschrei hierher, sehr zart, aus großer Entfernung. Plötzlich höre ich eine Stimme. Eine Frauenstimme, die singt. Ich traue meinen Ohren nicht, denn es klingt wie Johanna, wenn sie Arbeiten im Haus erledigt. Es ist ein fröhliches Singen ohne Text, eine Melodie, die gerade in diesem Moment erfunden wird. Das ist Johanna, denke ich und weiß, dass sie es nicht sein kann. Gibt es akustische Fata Morganas? Plötzlich komme ich mir lächerlich vor, wie ich hier stehe, einer Melodie lauschend, die es nicht gibt und mit diesen Nordic Walking Stöcken, die wie beim Schifahren auf der Schussfahrt unter meinen Armen klemmen. Ich werfe die Stöcke in einem großen Bogen weg. Sie landen hinter einer Böschung und ich frage mich, wozu ich sie jemals gebraucht habe. Es zieht mich nach vorne, in diese Kurve, hinter der ALLES oder NICHTS sein kann. Meine Beine beginnen zu rennen, ein paar Meter noch und dann nehme ich die Kurve. Sie hat einen kleineren Winkel als vermutet, und nun stehe ich da. Mir stockt der Atem. Das gibt es doch nicht! Das kann nicht sein! Träume ich? Ich wische mir die Augen aus, schüttle den Kopf, um wach zu werden. Es nützt aber nichts. Auch der zweite Blick zeigt das gleiche Bild. Vor mir liegt der Weg zu unserem Haus! Er führt sanft nach unten, gerade wie mit dem Lineal gezogen, von bewirtschafteten Feldern umsäumt. Es ist der Weg, der seit Jahren meinen Endspurt bedeutet, der Weg, an dessen Ende unser Haus liegt. Ich beginne wieder zu rennen und staune, wie leicht es ohne Stöcke geht. Ich fliege beinahe und unser Haus rückt immer näher. Jetzt kann ich erkennen, dass heute, so wie früher jeden Morgen alle Fenster und die Terrassentür zum Lüften geöffnet sind. Je näher ich komme, umso mehr Details tun sich auf. Die Pflanzen sind gewachsen und die Margariten am Hauseck blühen. An der Wäscheleine flattern meine Arztkittel und aus dem Küchenfenster ist jetzt ganz eindeutig Johannas Singen zu hören. Das ist keine Fata Morgana, jubelt mein Herz.

 

Jetzt bin ich angekommen, stehe im Garten und kann es kaum fassen. Aus dem Küchenfenster dringt Johannas Singen begeleitet von Geschirrklappern; ob die Maschine ein- oder ausgeräumt wird, kann ich nicht ausmachen. Was singt Johanna da eigentlich? Diese Melodie ist neu, ich habe sie noch nie gehört und ich kenne Vieles. Auch ihre Stimme – sie ist gut! Es ist eine wunderbare, volle Altstimme. Sie klingt wie immer, es war mir nur nie aufgefallen. Lag es am fehlenden Text? Was heißt eigentlich fehlender Text? Es sind herrliche, ja, sogar witzige Lautkombinationen, die sie sich einfallen lässt. Es ist nicht nur ein tröges La-La-La und Hm-Hm-Hm, was ich bisher immer hörte. Sie intoniert diese einfachen Silben in einer Art, die ein ganzes Universum umfassen. Es klingt wie immer und ist dennoch ganz neu.

Johanna! Johanna! Ich stürze durch die Terrassentür ins Wohnzimmer und von dort aus zur Küche. Im Türrahmen bleibe ich stehen und kann es wieder kaum fassen. Sie räumt tatsächlich die Geschirrspülmaschine aus und ist gerade dabei, das Besteck in die Schublade zu legen. Ich betrachte ihren Rücken, den ich so lange nicht mehr gesehen habe. Ihr Haar ist länger geworden, die glänzenden, hellbraunen Locken reichen bis zu den Schulterblättern. Ich gehe auf sie zu, will ihr Haar durch meine Finger gleiten lassen, halte aber in der Bewegung inne. Ich habe Angst, das alles wäre doch nur eine Fata Morgana und ich würde Sand statt weiches Haar berühren. Tränen wollen hoch kommen, ich unterdrücke sie und ziehe die Nase hoch.   

Johanna bricht ihr Lied abrupt ab und dreht sich um. „Himmel, jetzt bin ich aber erschrocken!“ Sie lächelt.

Ja, das ist Johanna! Nur sie kann sich erschrecken und kurz darauf wieder lächeln. Jetzt strecke ich meine Hand aus und berühre ihr Haar. Ich fühle keinen Sand.

Johanna lacht und zieht mich zu sich.

Endlich kann ich sie umarmen. Ich umschließe ihren Körper, meine Nase nimmt ihren Duft auf und ich lasse mich fallen in das samtweiche Gefühl, es geschafft zu haben. „Jetzt bin ich zu Hause“, sage ich. Dieser Satz kommt einfach so aus mir heraus, ich kann nichts dafür.

Johanna löst sich aus der Umarmung. „Ja, jetzt bist du zu Hause“, sagt sie und ein eigenartiges, für mich neues Lächeln taucht auf. Es ist ein Lächeln, das mehr zu wissen scheint, als es sagt. Ein Lächeln, das mich zurück in die Realität bringt.

„Warum bist du zurück gekommen?“ frage ich.

„Ich war nie weg. Du hast mich nur nicht gesehen.“

Und wieder ist dieses eigenartige Lächeln in ihrem Gesicht.

 

(C) 2008 Romana Brunnauer